Erziehung 1950er

4383 Besucher bisher insgesamt

6 Besucher heute

1 derzeit online

Free counter and web stats

Zugriffszähler ab 16.09.2011

Erziehungsarbeit im Rauhen Haus durch Diakonenschüler

 Haus "Tanne"

Erziehung im Rauhen Haus in den 1950 und 60er Jahren

Die Studie „Strenge Zucht und Liebe“ die Professor Dr. Tilman Lutz im Auftrage der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie des Rauhen Hauses als Reaktion auf die Schrift Schläge im Namen des Herrn“ mit großer Sorgfalt und Gründlichkeit erstellte, veranlasst mich zu einer ergänzenden Stellungnahme.  Natürlich ist dieser Arbeit anzumerken, dass sie von einem Nachgeborenen erarbeitet wurde, der die Details nicht aus eigener Anschauung kennen kann.  Da die Zeitzeugen in den nächsten Jahren aussterben werden, halte ich es für wichtig, als einer der damals Beteiligten dazu einige Gedanken zu äußern.

* * *

Wie fast alles im Leben war auch die Heimerziehung im Rauhen Haus immer vom jeweiligen Zeitgeist und von den wirtschaftlich-finanziellen Voraussetzungen mit geprägt, so auch in den 1950er und 60er Jahren.  Und was und wie damals im Rauhen Haus gelebt wurde, ist auch im Zusammenhang mit der davor gelaufenen Geschichte zu sehen.

* * * 

wichernz.jpg

  Johann Hinrich Wichern   

Als im Sommer 1834 ein Bäckergeselle, namens Josef Baumgärtner, zu Fuß von Basel nach Hamburg zog, um Wichern als erster Gehilfe für ein mageres Taschengeld von 100 Mark im Jahr bei freier Kost und Logis als Betreuer einer „Knabenfamilie“ zur Hand zu gehen, war er der erste nicht professionelle Erziehungsgehilfe im Rauhen Haus.  Nach drei Jahren übernahm Baumgärtner ein eigenes neu gegründetes „Rettungshaus“ in Mitau im Kurland. – Im Spätsommer 1844 begab sich Christoph Friedrich Götzky - Christoph Friedrich Götzky von Braunschweig aus auf eine Wanderschaft gen Norden.  Sein Ziel sollte Schweden sein.  Wohl, um seine Reisekasse aufzubessern, nahm er in Horn bei Hamburg eine Arbeit an.  Der Buchbindermeister August Sandelmann im Rauhen Hause suchte gerade eine Hilfskraft.  Nach gut einjähriger Tätigkeit in der Buchbinderei wurde er, inzwischen zum evangelischen Glauben konvertiert, am 24. November 1845 als „Bruder“ in Wicherns Gehilfeninstitut aufgenommen.  Er war im Haus „Bienenkorb“ in der Jungenbetreuung tätig.  Im Jahre 1847 übernahm C. F. Götzky das neu gegründete Rettungshaus in Brüssow in der Uckermark, westlich von Stettin.  Götzky blieb lebenslang mit Wichern und dem Rauhen Haus verbunden und wurde der Erzvater einer Diakonendynastie bis in unsere Tage hinein (Urgroßvater von Diakon Christoph Bretschneider – Einsegnung 1954).  Das waren zwei frühe Beispiele Wichernscher Erziehungsgehilfen. – Aus seinen „Gehilfen“, die Wichern aus ganz Deutschland rief und die ihn bei seiner Erziehungsarbeit im Rauhen Haus unterstützten und von den Jungen der Erziehungsfamilien „Brüder“ genannt wurden, die bei ihm die hohe Kunst der Erziehung lernten, baute er den hauptberuflichen Mitarbeiterstab der Inneren Mission auf, die „Berufsarbeiter“, die als „Hausväter“ in Rettungshäusern, als Strafvollzugsbetreuer oder als „Stadtmissionare“ in ganz Deutschland und im Ausland bis hin nach Übersee tätig waren und später Diakone genannt wurden.

Wichern war in seinem pädagogischen Konzept stark von Johann Heinrich Pestalozzi und Christian Heinrich Zeller beeinflusst, die vor ihm in der Schweiz bzw. in Südwestdeutschland pädagogisch gedacht und gehandelt hatten.  Wichern hatte das Elend der entwurzelten proletarischen Massen und speziell der Kinder im Zeithalter der ersten industriellen Revolution in Hamburg-St.Georg als Sonntagsschulhelfer kennen gelernt und wollte seine Jungen vor weiterer Entsittlichung und dem „Zuchthaus“ bewahren, in das man sie wegen ihrer sozialen Unangepassheit zu stecken drohte.

* * *

Im Laufe der Jahrzehnte wandelten sich der Zeitgeist und das soziale Gefüge. 

Bruder Otto Bretschneider  - Otto Bretschneider  berichtet über seine Zeit im Rauhen Haus ab 1911:  Morgens früh um 7 Uhr gingen wir zur Andacht in den Betsaal.  Danach gingen die Jungen zur Schule.  Wir Brüder trugen halblange blaue Kittel.  Garderobe und Wäsche musste jeder beim Eintritt für ein Jahr vorweisen.  Als Vergütung bekamen wir im Monat eine Mark, später drei Mark Taschengeld.  Nach einem viertel Jahr kam ich nach Buschmühle bei Reppen, östlich von Frankfurt an der Oder, in Gehilfenstellung.  Meine Erlebnisse und Erfahrungen dort waren von besonderer Art.  Leicht war die Arbeit nicht.  Die dortige Anstalt hatte nur schwererziehbare Jugendliche bis zum Alter von 21 Jahren, teilweise „schwere Jungs“, die bereits mit der Halb- und Unterwelt in den Großstädten Bekanntschaft gemacht hatten und beim Entweichen aus der Anstalt von ihren alten Bekannten stets gestützt wurden.  Einige der Jungen trugen Spitznamen wie „Leipziger Otto“ oder „Halsabschneider“.  Ich selber war gerade 22 Jahre alt geworden.  Dort gab es für einen jungen, unerfahrenen Bruder reichlich „Kniearbeit“, sonst war der schwere Dienst nicht zu schaffen: Tagsüber Arbeit mit den Zöglingen auf dem Felde, spät abends Gebetsarbeit.  Nach einem Jahr kam ich in ein Rettungshaus in Gehlsdorf bei Rostock   Dort hatte ich auch die Großen bis zum 18. Lebensjahr zu betreuen.  In Gehlsdorf war die Arbeit auch schwer, aber ich war in einem Kreis von mehreren Brüdern, da die Anstalt 6 Familiengruppen hatte, 3 Knaben-, 2 Mädchengruppen und eine Familie für schulentlassene Jungen.  Wohl erst nach einem Jahr habe ich erstmals einen Sonntag frei bekommen.  Es wollte von den Mitbrüdern niemand die Familie der großen Jungen übernehmen.  Im Frühjahr 1914 kam ich zur weiteren Ausbildung ins Rauhe Haus zurück.  So war ich Familienleiter im Paulinum, in der Johannisburg und im Haus Eiche.

Auch im Rauhen Hause marschierten und exerzierten die Jungengruppen zeitweilig beispielsweise mit Holzgewehren, weil das damals „in“ war (in alten Filmaufnahmen aus dem Rauhen Haus zu sehen).

 * * *

Die politischen und sozialen Brüche von 1918 mit dem Wechsel von der Monarchie zu einer sozialdemokratisch dominierten Republik wirkten sich auch auf das Rauhe Haus und andere Erziehungseinrichtungen der Diakonie aus.  Die Verhältnisse in der Franckeschen Stiftung zu Halle waren beispielsweise mit denen damals im Rauhen Haus vergleichbar (nachzulesen in Immo Hülsen: Rückblicke und Erinnerungen – Band 56 in der von mir herausgegebenen maritimen gelben Buchreihe „Zeitzeugen des Alltags“ – http://maritimbuch.klack.org/seite56.html 

Die Erziehungsarbeit an unangepassten Kindern und Jugendlichen lag in den 1920er Jahren überwiegend (fast ausschließlich) bei konfessionellen Trägern.  Sehr interessant und aufschlussreich ist Michael Häuslers Studie über die Deutsche Diakonenschaft (1913 – 1947) „Dienst an Kirche und Volk“. – 1995 bei Kohlhammer erschienen – ISBN 3-17-013779-4. – Häusler berichtet dort ausführlich über das Verhältnis der Diakone zum Weimarer Staat.  Damals wurde die Erziehungsarbeit der Diakonie von sozialistischen Kreisen äußerst kritisch gesehen und angefeindet.  Es ging dabei auch um das „Erziehungsmittel Prügelstrafe“.  Als sehr informativ empfehle ich die beigefügte Anlage „Diakone und Erziehungsarbeit in der Weimarer Zeit“ (siehe: Heimerziehung 1920er).  

Prügelstrafe war ja nach dem damaligen Zeitgeist-Empfinden ein legitimes Mittel, das im Elternhaus und in der Schule gang und gäbe war.  Ich selber habe Anfang der 1940er Jahre vor Kriegende noch erlebt, dass Lehrer den Rohrstock walten ließen.  Nach dem Kriege war Prügeln in den Schulen der sowjetischen Besatzungszone und späteren DDR verboten, aber in den westlichen Zonen und der jungen Bundesrepublik durchaus noch üblich.  So verwundert es mich nicht, dass auch in den Fürsorgeerziehungsheimen – etwa in Freistatt – davon Gebrauch gemacht wurde. (http://www.schlaege.com/) Ich selber war um 1959–1963 in Dortmund bei der Diakonie (damals noch „Innere Mission“) als Jugendsozialarbeiter (damals noch „Jugendfürsorger“ genannt) im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips mit der Jugendhilfe für Jungen ab 14 Jahren betraut.  Zu der Zeit wurden von den Vormundschaftsgerichten auf Antrag der Jugendämter noch regelmäßig Einweisungen in die Fürsorgeerziehung, auch in die Heime von Freistatt angeordnet – das fast immer in schwerwiegenden Fällen.  Die Nazareth-Diakone in Freistatt und Eckardtsheim habe ich um ihren harten Job nie beneidet.  Damals herrschte für Nazareth-Brüder noch das Sendungsprinzip.

* * *

Im Rauhen Hause wurden in den 1920er Jahren auch Fürsorgezöglinge betreut.  Um 1927/30 befand sich das Rauhe Haus in einer wirtschaftlichen Existenzkrise, in der man  August FüßingerAugust Füßinger als Sanierer walten ließ.  Er wollte nach seiner Ausbildung eigentlich nicht im Rauhen Hause tätig sein, da er das Kommen und Gehen seiner potentiellen Vorgänger beobachtet hatte und das Rauhe Haus zu diesem Zeitpunkt praktisch zahlungsunfähig war.  Die Anstalt rettete sich durch Landverkäufe, z. B. gegenüber dem Rauhen Haus am Horner Weg – auch der Holstenhof wurde verkauft.

Mit der Stadt Berlin wurde ein Vertrag zur Aufnahme von Fürsorgezöglingen abgeschlossen, die dann im Haus „Fischerhütte“ untergebracht wurden.

 * * *

Ein Zeitzeuge aus den 1920er Jahren, Bruder Heinrich Ketelsen, trat 1929 in das Rauhe Haus zur Diakonenausbildung ein.  Er berichtet (in einem Interview, das Bruder Gerd Junior mit ihm führte – entnommen aus „Der Bote“ Berichte aus der Brüder und Schwesterschaft des Rauhen Hauses.):

Und dann passierte auf dem Kattendorfer Hof eine Revolte.  Berliner Fürsorgezöglinge hatten dort das Haus Brabant in Brand gesteckt.  Eine Abordnung von Brüdern fuhr zum Kattenhof.  Nachdem dort über Nacht Ruhe eingekehrt war, brachten sie sechs dieser Berliner Fürsorgezöglinge mit, die wurden gesondert untergebracht.  Von da an gab es eine Straffamilie im Rauhen Haus – im Haus Weinberg.  Am nächsten Morgen kam der neu ernannte Familienleiter – er war zehn Jahre älter als ich – zu mir und fragte: „Willst du zu mir als Erzieher kommen?“  Ich sagte: „Ja, aber der Runge lässt mich ja doch nicht weg.“ – „Na, wir wollen mal seh’n“, sagte er und kam nach zwei Stunden wieder: ‚Mach dich fertig.  Du ziehst hier aus.  Ich kriege die Straffamilie, und du wirst bei mir Gehilfe.“  Ich entgegnete: „Was Besseres konntet ihr mir wohl nicht aussuchen, als ausgerechnet die Straffamilie?“  „Sei doch froh, erst mal bist du raus aus der Bäckerei“, meinte er.  So kam ich also in die Familienarbeit.  Nachdem ich jeden Tag mit sechs Berliner Jungen beim Gärtner gearbeitet hatte, sagte mein Familienleiter eines Morgens zu mir: „Du brauchst nicht raus, die Jungen sind abgehauen, alle auf Holzpantoffeln.“  Darauf ich: „Ich guck mal so am Hammer Park rum.  Ich will mal sehen, ob ich sie dort vielleicht finde.“  Ich ging in Richtung Hammer Park, kam an die Caspar-Voght-Straße und sah plötzlich aus Richtung S-Bahn die gesuchten Jungen auf mich zukommen.  Ich schlich mich auf die andere Straßenseite und sah, wie mir unser Bäckerei-Lieferwagen entgegenkam.  Ich gab dem Fahrer, der mich inzwischen entdeckt hatte, eindeutige Zeichen.  Er kapierte und hielt hinter den Jungen an, die dann schnell von uns in den Lieferwagen gedrängt wurden.  Das war meine erste größere ‚Amtshandlung’.  Im Rauhen Haus gab es ein großes Gelächter, als aus dem Brotwagen die Jungen stiegen.  Am nächsten Morgen wurde der Familienleiter abgelöst und versetzt, und ich war neuer Familienleiter für die schwierigen sechs Jungen.  Später waren es auch mal zehn oder zwölf.  Ich blieb eine Weile Familienleiter bei den Berliner Fürsorgezöglingen.  Die Jungengruppe hieß offiziell ‚Straffamilie’.  Die Jungen arbeiteten bis zum 18. Lebensjahr in der Gärtnerei.  Dann wurden sie aus der Fürsorgeerziehung entlassen oder in eine andere Anstalt versetzt.  Sehr beliebt war ich bei ihnen nicht.  Übrigens gab es auch einen Karzer.  Hin und wieder habe ich mal einen Jungen in den Karzer sperren lassen.  Dort war ein Wandspruch zu lesen: „In diesen Ecken soll Ketelsen verrecken!“  Es kam sogar ein Brief von der Berliner Fürsorgebehörde: Sie erwarte vom Rauhen Haus meine Ablösung.  Bruder Füßinger schrieb zurück, man könne wählen zwischen Kündigung des Fürsorgevertrages oder einem Familienleiter Ketelsen.  Damit war diese Angelegenheit erledigt.  Zu einem Festtagssonntag, es mag Pfingsten gewesen sein, hatte ich den Jungen einen gemeinsamen Ausflug in die Lüneburger Heide versprochen.  Das war schon etwas Besonderes.  Am Morgen kam mein Gehilfe, Bruder Ferlau, zu mir und klagte, ihm seien Uhr, Ring und Geldbörse gestohlen worden.  Ich versammelte also die ‚Bande’ und sagte: „Her mit dem Zeug!  Oder wir bleiben hier!“  Und wir blieben, denn es kam nichts.  Dann legte ich ihnen nahe: „Ihr seid dran, beschafft die Sachen wieder, und wir machen einen Ausflug!“  Nach 14 Tagen waren die gestohlenen Sachen wieder da, und wir starteten unseren Ausflug.  Von da an hatte ich auch ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihnen.  Bruder Füßinger ließ später sogar zu – ich war wahrscheinlich der erste im Rauhen Haus –, dass ich mich bei Ausflügen mit ‚den Privaten’ – nicht mit den Fürsorgejungen – duzte. – Überrascht war ich, als ich später als Soldat eines Tages auf dem Hauptbahnhof aus dem Zug stieg und mich ein ehemaliger Fürsorgezögling stürmisch, aber freundlich mit den Worten begrüßte: „He, Mensch, Ketelsen, Sie leben noch!“ –  Nach der Straffamilie kam ich in die Schönburg.  Es wurde etwas leichter.  Die Kinder waren durch meinen Vorgänger verwöhnt, der sich nicht recht hatte durchsetzen können.  Anfangs habe ich wohl etwas schärfer durchgegriffen.  Prompt kam ein Brief von Eltern.  Wir haben uns dann aber in der Schönburg ausgezeichnet verstanden.  Die Kinder haben meinen Wechsel zur Kastanie recht bedauert.  In der Kastanie hatte ich es wieder mit älteren Jungen zu tun.  Wenn wir auf Fahrt gewesen waren und uns geduzt hatten, konnte man es sich im Alltag schwer wieder abgewöhnen.  Bruder Füßinger ermahnte mich: „Ich habe Ihnen gesagt, innerhalb des Rauhen Hauses wird gesiezt.“  Das habe ich nicht ganz durchgehalten.  Vom Äußeren her unterschied ich mich auch von den älteren Jugendlichen kaum.  Die Kastanie war meine letzte Familie.

* * *

August Füßinger  - August Füßinger verdient besondere ausführlichere Erwähnung, denn er bestimmte zwischen 1927 und 1966 als Konviktmeister (nicht zu vergleichen mit dem heutigen Amt des/r Konviktmeisters/in) und Erziehungsinspektor, später zeitweise auch als Brüderältester (mit dem heutigen Konviktmeister-Amt vergleichbar), das Leben im Rauhen Haus und für jeden einzelnen Ausbildungsbruder in jener Zeit entscheidend mit.  Nach Meinung des Vorstehers des Rauhen Hauses Mitte der 1930er Jahre, Pastor Wegeleben, war August Füßinger schon damals „der ungekrönte König des Rauhen Hauses“.   „Fü“, wie wir ihn kurz nannten, wurde am 13.9.1900 in München als Sohn des Maschinenschlossers Otto Fühsinger (hs wurde damals statt ß gebraucht) geboren.  Die katholische Familie zog 1904 von München nach Wesermünde-Lehe (heute Bremerhaven).  1914 konvertierte die Familie wegen unüberbrückbarer Streitigkeiten mit dem katholischen Geistlichen und Lehrer und einer nicht gerechtfertigten körperlichen Züchtigung von Sohn August durch diesen.  Sie wurde Mitglied der evangelisch-reformierten Gemeinde in Lehe.  Dementsprechend hatte August Füßinger profunde Kenntnisse katholischer Dogmen, Riten und Denkungsart, was gelegentlich in Gesprächen angewendet wurde und in seiner Denk- und Handlungsweise auch immer wieder durchbrach. –  Fü über sich: „Niemand war in der 130jährigen Geschichte des Rauhen Hauses dort so lange mit Verantwortung tätig wie ich.“

* * *

Unter der Herrschaft der Nationalsozialisten geriet das Rauhe Haus stark unter deren Einfluss.  Man sprach vom „Braunen Haus“. In dieser Existenzkrise musste man die Erziehungsarbeit ganz einstellen.  Durch den Bombenkrieg gingen fast alle Gebäude in Flammen auf.

Zeitzeuge Bruder  Hugo  Wietholz:

Pastor Wegeleben hatte man hinausgegrault (1939 im Zusammenhang mit der Verstaatlichung der Wichernschule durch den NS-Staat) und ein neuer Direktor kam: Pastor Donndorf, der nun den Kampf mit Ackermann (Schulleiter und überzeugter Nationalsozialist) aufnehmen musste.  Eines Tages war es dann soweit, alle Familienleiter und Gehilfen mussten zu einer Versammlung, wo hohe Tiere der Partei dabei waren.  Man musste sich entscheiden: Das alte Rauhe Haus mit seiner Erziehungsmethode fliegt auf oder es wird eine SS-Heimschule.  Das Personal wollte man mit übernehmen.  Ich hatte zu der Zeit Dienst in der Zentrale und wartete auf eine richtige Entscheidung.  Erziehungsarbeit im Rauhen Haus aufgeben, war meine Parole.  Bruder Helmut Wittmack kam zu mir in die Zentrale und berichtete.  Unter dem Druck von Ackermann und dem Kreisleiter hatte man sich für die SS-Heimschule entschieden.  Helmut berichtete, Ackermann hätte gesagt, Christen und Nationalisten seien ja dasselbe.  Darauf Helmut Wittnack: „Die sind wie Feuer und Wasser.“  Darauf Ackermann: Er wolle es nicht gehört haben.  Nächstes Mal werde er ihn anzeigen.  Wir aber waren von der Entscheidung bedient.  Die Führung des Rauhen Hauses hatte kein Rückgrat gezeigt.  Aber was für ein Wunder: Der frühere Direktor Engelke wurde ja bei Reichsbischof Müller Reichsvikar.

* * *

Der Neuaufbau der Arbeit nach dem Krieg war dornenreich und wurde nur durch den hingebungsvollen Dienst der hauptamtlichen Diakone und der Diakonenschüler möglich.
Pastor Donndorf, der Vorsteher des Rauhen Hauses in den 1940er bis 50er Jahren, hat das Prinzip des Zusammenhangs von Erziehungsdienst und Brüderunterricht in einer Verwaltungsratssitzung mit folgenden Worten beschrieben: „Die 125jährige Geschichte ist diesen Weg nicht nur aus Tradition gegangen, weil Wichern damals seinen Erziehern für später Arbeit und Brot sichern musste.  Brüder dienen in einem stillschweigenden Abkommen, weil sie für ihre Ausbildung keinen Pfennig zahlen.  Diakonenausbildung und Erziehungsarbeit sind verflochten wie in einem Teppich.  Man kann sie nicht trennen.  Im Erziehungsdienst wachsen Dienstwilligkeit und Formniveau.  Das ist das ungeschriebene Gesetz aller Diakonenanstalten.“

Die Erziehungstätigkeit steht und fällt meines Erachtens mit dem Charisma des Erziehers.  Mit reiner „Professionalisierung“ ist es m. E. nicht getan.  Zu meinem großen Bedauern habe ich mich während meiner Diakonenausbildung zu der Erkenntnis durchgerungen, dass meine Begabungen auf anderen Gebieten liegen.  Aber wir hatten damals etliche Brüder, die für die Erziehungsbemühungen im Rauhen Haus prädestiniert waren und den Jungen einiges für ihren kommenden Lebensweg mitgeben konnten.

Übrigens gab es, was in der Studie nicht erwähnt wird, während meiner Ausbildungszeit im Rauhen Haus zwischen 1954 und 1959 auch ausgebildete, also professionellen, Erzieherinnen (Berufsbezeichnung damals „Kindergärtnerin“ und „Jugendleiterin“), nämlich in der Schönburg bei den jüngeren Jungen.  Ich erinnere mich an die Namen Gisela Kaiser (heiratete später Gerhard Niemer), Frau Schmoller, Gesche Sell, Anneröse Hoeck (heiratete Herbert Heidrich).

* * *

Die Erziehungsarbeit mit den Jungen im Rauhen Haus habe ich in den 1950er Jahren selbst erlebt.  Zwar war ich nie Familienleiter, aber doch „Gehilfe“, zunächst in der Krankenstube und später in mehreren „Familien“.

Ich führte damals gelegentlich Tagebuch: Sonntag, 12. September 1954: „Dies war ein schöner Tag.  Ich hatte mich schon die ganze Woche auf den Sonntag als Ruhetag gefreut.  Aus dem Ruhetag wurde jedoch nichts.  Wir hatten nämlich Sportfest.  Es besteht kein Zweifel daran, dass es gelungen war.  Überhaupt, die Feste im Rauhen Haus sind immer recht nett.  Sie werden aber auch sehr gründlich vorbereitet.  Bruder Niemer, der bei solchen Anlässen immer die Fäden in seinen Händen hat, bringt dabei sehr gute Leistungen. - Der Tag verlief folgendermaßen:  Um 10 Uhr hielt Pastor Donndorf im Wichernsaal einen Gottesdienst, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte, da ich Telefonwache hatte.  Im Anschluss daran starteten ein Völkerball- und ein Fußballspiel.  Ersteres gewann die vereinigte Fischerhütte, letzteres die Kastanie.  Um 14 Uhr begann dann der Dreikampf im Weitsprung, Schlagballwerfen und 50 m- bzw. 100 m-Lauf.  Um 15 Uhr kam das große Ereignis: der Ballonstart.  Jeder Junge konnte einen mit Wasserstoff gefüllten Luftballon, an dem eine Karte mit vermerktem Absender befestigt war, starten.  Ich ließ auch einen Ballon fliegen.  Dann wurde noch ein 800-m-Lauf durchgeführt, daran anschließend ein Bambirad-Geschicklichkeitsrennen und ein mit Verkehrsschildern geleitetes Fahrradrennen.  Das Unfallwagen-Rennen, das dann folgte, wurde leider durch einen heftigen Regenschauer unterbrochen.  Schade, denn das war eine gelungene Veranstaltung.  Ein Handwagen war zu einem Unfallwagen ausgestaltet worden mit Antenne, Blaulicht und roten Kreuzen.  Ein Melder der jeweiligen Gruppe musste über mehrere Hindernisse hinweg zu einer Unfallmeldestelle laufen bzw. springen.  Dort setzte sich der Unfallwagen, mit einem Lenker und drei Schiebern bestückt, in Bewegung, um den Verunglückten abzuholen und ins „Krankenhaus“ zu bringen.  Die Gruppe, die dies in kürzester Zeit schaffte, hatte gewonnen.  Kurz nach 19 Uhr fand im Wichernsaal die Preisverteilung statt.  Die Siegermannschaften bekamen je eine Torte und die Einzelsieger Preise wie Fotobox, Fahrradtachometer, Taucherbrille, Leselampe.  Die Jungen haben alle begeistert mitgemacht.  Es herrschte mal ein ganz anderer Ton im Rauhen Haus.“

3. Juni 1955, 23 h:  „Stellungswechsel.  Ich bin gerade damit fertig, meine Sachen einzuräumen.  Soeben bin ich umgezogen.  Ab sofort habe ich im Erziehungsdienst zu arbeiten.  Meine neue Wirkungsstätte ist die Familie „Kastanie oben“.  Bruder Binder ist Familienleiter und Bruder Kreye mit mir Gehilfe.  Hoffentlich arbeite ich mich hier gut ein.  Gott möge mir Kraft für meinen neuen Dienst schenken, dass ich ihn in rechter Verantwortung tue…“

Haus  "Kastanie" um 1956

„Es gäbe ja so viele Dinge, über die ich berichten könnte, ja müsste, aber dazu gehört auch die nötige Ruhe, die ich abends leider nicht mehr habe, wenn der Tag mit anstrengendem Erziehungsdienst geschafft ist und ich die Stunden berechnen muss, die ich noch bis zum nächsten Weckerklingeln brauche, um dem Körper die dringende Erholung für die Aufgaben des neuen Tages zu gönnen.“

Bruder Walter Mahnke übernahm wenig später die Familie.  Er war bereits ein recht reifer Mensch, machte seinen „Job“ sehr gut und mit vollem Einsatz, war pedantisch genau und gerecht und genoss bei den Jungen eine natürliche Autorität.  Ich habe viel von ihm gelernt.

Wir hatten in der „Kastanie oben“ Jungen im Schulalter von etwa 12 bis 15 Jahren zu ‚erziehen’.  Ich selber war mit meinen 20 Jahren noch dabei, erst langsam erwachsen und reif zu werden.  Der Altersabstand zu den uns anvertrauten Jungen war noch recht gering.  Ein natürlicher Respekt war daher kaum vorhanden, und die Autorität musste unter den Gegebenheiten des Rauhen Hauses jeden Tag neu erkämpft werden.  Der Erziehungsdienst war eine Arbeit, die mich stark forderte und formte.  

Jede Heimerziehung ist problematisch und kann immer nur ein schwacher Ersatz für eine gute Familienerziehung sein.  Was in früher Kindheit versäumt oder gar zerstört wurde, ist nur unter großen Mühen wieder zu therapieren.  Die Erziehungsarbeit im Rauhen Haus war in den 1950er Jahren unter Füßingers Verantwortung zunächst oft nur Verwahr- und Ordnungserziehung.  Gewöhnung an einen geordneten Tageslauf und an regelmäßige Leistungen in Schule und Familienalltag sind jedoch auch wichtige erzieherische Momente, die man nicht unterbewerten sollte.  Dazu gehört es, den Jungen Grenzen zu stecken, und diese werden immer wieder versuchen, die Grenzen auszutesten und in Frage zu stellen.  Einige selbst bereits gereiftere Brüder konnten als Familienleiter mit pädagogischem Eros darüber hinaus auch ein kleines Stück pädagogischen Bezug und Geborgenheit für die Jungen schaffen.  Alle gaben wir uns aber erdenkliche Mühe in dieser schweren Aufgabe an oftmals in der Entwicklung geschädigten Jungen im schwierigen Pubertätsalter.  Zwanzig Jahre später wird man die „Professionalisierung“ der Erziehungsarbeit betreiben und als Fortschritt loben.  Ob die für die Kinder und Jugendlichen mehr bringt, ist noch fraglich. - Die Rund-um-die-Uhr-Pädagogik, die damals im Rauhen Haus praktiziert wurde, war für uns Brüder sicherlich sehr anstrengend, für die Jungen aber durchaus von Vorteil.  Sie hatten über lange Zeitspannen feste Bezugspersonen und waren keinem Erzieherschichtbetrieb ausgeliefert.  Und was hat die antiautoritäre Welle der 1970er Jahre bewirkt?  Haben wir weniger Neurotiker und Straftäter als zur Zeit der „repressiven“ Erziehung?

Einen guten Einblick in den Alltag meines damaligen Erziehungsdienstes gibt ein Aufsatz, den ich am 9. September 1955 im Deutschunterricht unter dem vorgegebenen Thema schrieb:

‚Meine Aufgabe als Erziehungsgehilfe bei der Arbeit in einer Jungenfamilie’.

„Als Diakonenschüler des Rauhen Hauses stehe ich neben meiner theoretischen Ausbildung in der praktischen Arbeit als Erziehungsgehilfe.  In einer Schülerfamilie betreue ich mit zwei anderen Diakonenschülern, die „Brüder“ genannt werden, 19 Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren. - Was bedeutet „Familie“?  In der natürlichen Familie sind die besten Erziehungsmöglichkeiten gegeben.  Wir versuchen, diese Familie so gut wie möglich zu ersetzen.  Es wird uns wohl nicht ganz gelingen; denn uns fehlen ja der Vater und die Mutter.  Ein junger Erzieher von ca. 25 Jahren kann auch schlecht den Vater bei dreizehnjährigen Jungen ersetzen.  Deshalb soll er den älteren Bruder der Jungen darstellen.  Die ganze Jungengruppe zusammen mit den Erziehern bildet so unsere „Familie“.  Das kommt auch darin zum Ausdruck, dass wir Erzieher mit den Jungen zusammen essen, zusammen mit ihnen in einem Zimmer schlafen, überhaupt das ganze Leben gewissermaßen mit ihnen teilen. - Wir bewohnen mit unserer Familie eines der vier Häuser, die den Bombenangriff im letzten Kriege überstanden haben.  Es ist also ein älteres Haus, das Haus „Kastanie“.  Im oberen Stockwerk stehen uns 9 Räume zur Verfügung.  Sieben davon werden von den Jungen bewohnt.  In jedem Zimmer stehen zwei bis vier Betten. - Man kann bei unseren Jungen nicht von „schwer erziehbaren“ sprechen, aber doch werden in den meisten Fällen die Eltern nicht mit ihnen fertig und schicken sie dann zu uns.  Bei vielen leben die Eltern in Scheidung oder auch getrennt und vertrauen uns ihre Kinder an.  Die Jungen besuchen teils die Volks-, teils die Oberschule.  Die kleinsten in unserer Familie sind im 6., die ältesten im 9. Schuljahr. - Was ist nun meine Aufgabe in dieser Familie?  Ein älterer Bruder, der im letzten Ausbildungsjahr steht, ist bei uns Familienleiter.  Mit einem anderen Bruder zusammen stehe ich ihm als Gehilfe in seiner Arbeit zur Seite.  Wir haben uns die anfallende Arbeit aufgeteilt, so dass jeder von uns seine Aufgaben hat.  Der Familienleiter hat natürlich die Verantwortung für alles und daher auf alles zu achten.  Er hat uns Gehilfen sozusagen von seiner Arbeit etwas abgegeben.  So kümmert sich der zweite Gehilfe, der schulisch etwas mehr vorgebildet ist als ich, um die Schularbeiten der Jungen und hat nebenbei noch einige andere kleine Aufgaben.  Ich habe für die Aufsicht beim Spielen sowie für die Fluraufsicht aufzukommen und bin für die Sauberkeit und Ordnung verantwortlich.  So muss ich zum Beispiel prüfen, ob die Jungen morgens ihr Hausgeschäft ordentlich erledigen, muss die Ordnung in den Zimmern und den Schränken überprüfen.  Ich muss sehen, dass die Jungen sich regelmäßig und ordentlich waschen, dass sie ihre Schuhe putzen und überhaupt ihre Sachen in Ordnung halten. - Wie sieht nun so ein Alltag für mich in der Familie aus?  Morgens um 5.30 Uhr stehe ich auf.  Um 6 Uhr, wenn die Jungen geweckt werden, muss ich „einsatzbereit“ sein.  Ich halte mich hauptsächlich auf dem Flur auf, sehe hin und wieder in die Zimmer, um nach dem Rechten zu schauen.  Die Jungen machen dann die Räume sauber und melden ihr Hausgeschäft bei mir ab.  Das geht bis kurz vor sieben Uhr.  Dann gehen wir geschlossen in den Esssaal im ehemaligen Schulgebäude zum Frühstück.  Bis 8 Uhr sind alle Jungen zur Schule, soweit sie nicht zur Schule müssen, in der „Freizeitfamilie“.  Ich selber habe den Vormittag über Unterricht.  Komme ich mittags gegen 13 bis 13.30 Uhr aus dem Unterricht, so sind dann auch schon einige Jungen von der Schule zurück.  Die übrigen kommen bis 15 Uhr nach und nach an.  Dann geht in dieser Zeit immer ein Bruder mit einigen Jungen zum Mittagessen.  Von 13 bis 16 Uhr ist die Lernstunde angesetzt, in der die Jungen ihre Schularbeiten machen oder die Aufgaben erledigen, die sie vom Familienleiter zur Übung aufbekommen; denn die meisten unserer Jungen stehen in der Schule sehr schlecht, und wir haben es uns zur Hauptaufgabe in unserer Familie gemacht, die schulischen Leistungen der Jungen zu verbessern, damit sie nach Möglichkeit bessere Zeugnisse bekommen.  Denn an den Zeugnissen wird der Erfolg unserer Arbeit von den Eltern doch in erster Linie gemessen. - In dieser Lernstunde muss völlige Ruhe im Hause herrschen.  Dafür zu sorgen, ist in dieser Zeit meine Aufgabe.  Nebenbei sehe ich auch bei Überlastung der anderen Brüder die Hausaufgaben nach. - Nach dieser Zeit der Anspannung und Konzentration sollen die Jungen sich wieder entspannen können.  Sie haben daher die Möglichkeit, von 16 Uhr bis zum Abendessen um 18 Uhr und danach bis 19.30 Uhr draußen zu spielen, sich auf dem Zimmer zu beschäftigen, zu lesen oder was sie sonst wollen.  Die Aufsicht dabei führe ich.  Um 19.30 Uhr machen sie sich zur Nachtruhe fertig.  Es werden die Schuhe geputzt, es wird sich gewaschen, das Zimmer aufgeräumt.  Um 20.15 Uhr mache ich den „Stubendurchgang“.  Dabei sehe ich, ob alle im Bett liegen und ruhig sind.  Bis 20.30 Uhr können die Jungen noch lesen.  Jetzt geht der Familienleiter durch die Zimmer, wünscht den Jungen eine gute Nacht und löscht das Licht.  Hiernach kommt für mich die letzte Tages-„Arbeit“:  Für kurze Zeit muss ich noch auf dem Flur die Ohren spitzen, um zu hören, ob überall Ruhe herrscht, was aber in der Regel der Fall ist.  Dann kann ich mich auf „mein“ Zimmer zurückziehen.  Dort muss ich aber gut die Lampe verhängen und mich geräuschlos bewegen, um nicht die beiden Jungen zu wecken, die mit mir zusammen in einem Zimmer schlafen.  Wenn die Arbeit auch öfter schwer fällt, wenn man oft viel Energie aufwenden muss und der Tag lang ist, so bringt sie doch viel Freude.“ 

Im Frühjahr 1956 übernahm Volkmar Lange die Familie.  Er machte das (von August Füßinger offenbar geduldete) Experiment, nur mit milden Worten und auf der Grundlage des Vertrauens zu operieren und hoffte, auf diesem Wege zum Ziel zu kommen.  Ich kam durch diesen plötzlichen Wechsel des Erziehungsstils in arge Bedrängnis, weil die Jungen mich unter Mahnke anders erlebt hatten und konnte damals Bruder Langes Hoffnung nicht teilen, versuchte aber, es so lange wie irgend möglich auszuhalten und mich so durchschlängeln.  Das von mir damals zunächst registrierte Ergebnis: Disziplinlosigkeit, Unordnung, grenzenlose Frechheit der Jungen, die die ungewohnte neue Freiheit nicht fassen können, sie nutzen und ihre Grenzen austesten.  Bruder Lange kam mit seinem Stil langfristig zurecht, ich hatte jedoch meine Probleme und wurde daher von Füßinger versetzt: Vom 16. Dezember 1956 bis 30. Juni 1957 war ich dann Erziehungsgehilfe in der Kastanie unten bei Bruder Heidrich.

An einen zu meiner Zeit existierenden Karzer kann ich mich nicht erinnern, wohl aber daran, dass es vor meiner Zeit einen gegeben haben soll.  Die Bewährungsfamilie, auch ‚Straffamilie’ genannt, lebte im alten Schulgebäude (später Paulinum genannt) und wurde zu meiner Zeit zunächst von Bruder Alfred Powierski, später von Siegfried  Strathmeier - Siegfried Strathmeier, einem in höherem Alter eingetretenen Ausbildungsbruder, geleitet (http://www.rauheshausbruder.klack.org/seite26.html).

Während meines Dienstes als Erziehungsgehilfe habe ich auch Makkarenkos „Weg ins Leben“ sorgfältig gelesen.  Makkarenko war der Vorzeigepädagoge der Sowjetunion.  Nach dem Motto „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ war Makkarenko auch in der DDR unumstößliches Vorbild.  Auch in der DDR gab es unangepasste und erziehungsschwierige Jugendliche.  Die Jugendwerkhöfe hatten, wie wir heute wissen, auch ihre Probleme und wurden an vielen Jugendlichen schuldig.  Hatten die Kommunisten in den 1920er Jahren noch gegen die konfessionellen Erziehungsheime gewettert, musste man jetzt im realen Sozialismus selber mit den Problemen zurechtkommen.

Das Nebeneinander von Theorie und pädagogischer Praxis im Rauhen Haus habe ich als hilfreich empfunden.  Im Fach Pädagogik und Geschichte der Pädagogik fanden wir um 1957 in dem Rauhhäusler Diakon Rudolf Höllenriegel einen ausgezeichneten und kompetenten Dozenten.  Er war im Hauptberuf Schulleiter der heilpädagogisch orientierten Sonderschule in den Alsterdorfer Anstalten.  Höllenriegel vermittelte uns eindringlich den Begriff: „Pädagogischer Eros“ im Sinne der hinwendenden Leidenschaft des Erziehers zum Kind.  (Dass es da fließende Grenzen zu einer pädagogischen Erotik oder gar zu sexuellem Missbrauch geben kann, belegen die jüngst wieder bekannt gewordenen Vorkommnisse, etwa in der Odenwald-Schule, die lange als pädagogische Mustereinrichtung galt.)

Mit Engagement vermittelte Höllenriegel uns systematische Kenntnisse pädagogischer Wissenschaft.  Er prägte uns ein: „Erziehung ist kein Job.  Erziehung ist eine Leidenschaft!  Ich bin Erzieher oder ich bin es nicht.  Man kann sich nicht in der Pädagogik versuchen.  Jeder Versuch, den man unternimmt, schafft Tatsachen, die bleiben.  Die Natur erzieht nicht.  Erziehung geschieht nur zwischen Menschen und ist stets an den Menschenbezug gebunden.  Ich werde nur Mensch durch Menschen.  Das Handwerk des Pädagogen ist ein vollkommen anderes als das eines Schlossers oder Steinmetz’.  Was ich als Erzieher an einem Tage durch schlechte Laune verdorben habe, kann ich nicht wieder gut machen.“  Die historischen Väter der Pädagogik von den alten Griechen Sokrates und Platon über Augustin, Luther, Comenius, Francke, Rousseau, Pestalozzi, Herbart, Fröbel, Wichern bis zu den Reformpädagogen der 1920er Jahre, Spranger, Litt, Nohl, Flitner, ließ er uns lebendig werden.  Jeder von uns hatte sich mit einem dieser pädagogischen Pioniere speziell zu befassen, ich mit Herbart.

Im Fach Psychologie gab uns der Theologe Dr. Walter Uhsadel (1900-1985), später Universitätsprofessor für Praktische Theologie, eine sehr gute allgemeine Einführung in die Tiefenpsychologie und Traumanalyse des Siegmund Freud und erläuterte uns seine Begriffe „Libido“, „Es“ und „Ich“ und „Über-Ich“, „Ödipuskomplex“, „Verdrängen“, des „Abreagieren“ und „Sublimierung“.  Auch Alfred Adler, ein Schüler Freuds, der statt beim Sexualtrieb beim Macht- und Geltungstrieb ansetzt, sowie Fritz Künkel, ein Berliner Arzt, der 1933 in die USA emigriert und der adlerschen Psychologie eine christliche Prägung und seelsorgerliche Anwendung gibt, brachte Dr. Uhsadel uns nahe.  Künkels „Arbeit am Charakter“ las ich mit großem Gewinn.  Besonders C. G. Jung mit seiner „Komplexen Psychologie“ im Gegensatz zu Freuds analytischen Psychologie nahm in seinem Unterricht breiten Raum ein.  Begriffe wie das „Selbst“, die „Persona“, das persönliche und das „kollektive Unbewusste“, die „archetypischen Symbole“ und Instinkte im kollektiven Unbewussten, die „Anima“ und der „Schatten“ wurden durch Usadel für mich aufschlussreiche neue Begriffe.  Leider verließ uns Usadel schon nach einigen Monaten.  Er war einer unserer besten Dozenten.  Dr. Plaetzer führte sein Werk fort mit Informationen über Intelligenzquotient und psychologische Tests, Binet-Simon-Test, Charlotte Bühler, Hildegard Hetzer, HPT-Test, HAWIK-Test, Projektionstests, Düß-Test, Heuer-Test, Warteg-Zeichentest, Zullinger, Wilhelm Wunds Lügendetektor, mit der Erkenntnis: „Aus dem Test kommt immer soviel heraus, wie der herausholt, der ihn auswertet.“  Er gab uns auch eine Einführung in die Entwicklungspsychologie.

Die Überprüfung der erworbenen theoretischen Kenntnisse durch die praktische Erziehungsarbeit vor Ort und umgekehrt die Reflektierung der Praxis durch die pädagogische, methodische und psychologische Theorie fand ich durchaus sehr gut.  Wird nicht in der psychotherapeutischen Disziplin und auch in anderen Ausbildungsbereichen Theorie und Praxis allenthalben miteinander verwoben?  War unsere Ausbildung wirklich so mangelhaft und unprofessionell?  Hätte man uns sonst nachgraduiert und nachdiplomiert?  Einiges an der Aufwertung und Umwandlung der alten Diakonenausbildung von der früheren Wohlfahrtspflegerschule über die Höhere Fachschule bis zur Fachhochschule war aus meiner Sicht auch ein Stück durch die Zwänge der Hochschulreform bedingte Etikettenkleberei.  Über die Qualität der heutigen FHS kann ich mir kein Urteil erlauben.  Dazu habe ich zu wenige Einblicke.  Das geistige Niveau der Absolventen ist nach meiner Beobachtung heute im Schnitt mit Sicherheit höher als vor 40 Jahren, obwohl es damals auch eine Reihe sehr intelligenter Diakone gab.  Aber das Bildungsniveau ist auch im Schnitt der Gesamtbevölkerung erheblich gestiegen.

Start der Diakonenausbildung im Rauhen Haus 1954

Diakonenschüler 1954  

Diakonenunterricht um 1955 im Rauhen Haus

* * *

Bruder Karlheinz Franke  berichtet über seinen Erziehungsdient während der Diakonenausbildung um 1957 im Rauhen Haus (nachzulesen in „Genossen der Barmherzigkeit“ – Band 11 in der von mir herausgegebenen gelben Buchreihe „Zeitzeugen des Alltags“ – (http://rauheshausbruder.klack.org/seite2.html):

Die Erziehung im Rauhen Haus beruhte auf dem von Wichern begründeten Familienprinzip, wobei jeweils zwei Diakonenschüler je nach Größe der Räume etwa acht bis zwölf Jungen betreuten.  Der Familienleiter war meistens schon ein oder mehrere Jahre in der Erziehungsarbeit tätig und stellte die väterliche Autorität dar.  Der Familiengehilfe sollte mehr ausgleichend und mütterlich wirken.  Er durfte nichts ohne Einverständnis des Familienleiters unternehmen und konnte bei Bedarf auch zu anderen Arbeiten herangezogen werden.  So hatte ich als Gehilfe im Haus Kastanie auch noch die beiden Koksheizungen von Kastanie und Schönburg zu versorgen.  Wenn Werbebriefe an den Freundeskreis des Rauhen Hauses verschickt werden sollten, saßen wir abends im Haus Tanne und falteten die Bettelbriefe.  Dabei durften zur Auflockerung auch die Haustöchter mithelfen, und es wurde viel gesungen.

Unser „Studientag“ sah etwa folgendermaßen aus:  Um 6 Uhr wurden die Jungen geweckt.  Wir schliefen mit ihnen gemeinsam in einem Zimmer in Doppelstockbetten, immer das Schlüsselbund unter dem Kopfkissen.  Anschließend mussten wir die Jungen beim Waschen im Waschraum beaufsichtigen und sie danach geschlossen zum Frühstück im Speisesaal der alten Schule begleiten.  Wenn die Jungen sich alle auf den Schulweg gemacht hatten, versammelten wir Diakonenschüler uns um 8 Uhr bei Brüder Füßinger in seinem Büro im Haus Tanne zum „Pädagogischen Praktikum“, in dem die täglich anfallenden Erziehungsprobleme besprochen wurden.  Um 9 Uhr begann der Unterricht.  Wir waren in unserer Klasse D II 1955 zu Anfang 12 Diakonenschüler, zum Examen in der D I 1959 nur noch 9.  Um 12 Uhr war der Unterricht beendet, und wir mussten in die Familien, um die aus der Schule heimkehrenden Jungen in Empfang zu nehmen.  Waren alle zusammen, gingen wir mit ihnen in den Speisesaal zum Mittagessen.  Nachmittags mussten wir die Jungen bei den Schularbeiten beaufsichtigen.  Da wir immer mehrere Gymnasiasten in unserer Familie hatten, kamen mir meine Englisch- und Lateinkenntnisse sehr zugute.  Nach der Kaffeepause konnten die Jungen je nach Interessen auf dem Hof vor dem Hause Ball spielen oder bei schlechtem Wetter drinnen basteln.  Ich habe in der Stadt Mosaiksteine besorgt, mit denen sie die damals beliebten Blumentische als Weihnachtsgeschenke für die Eltern bauten.  Auch Blumenampeln aus Bast, Peddigrohr oder Bambus waren als Bastelei sehr begehrt.  Abends konnten die Jungen noch lesen oder für 10 Pfennig zum Fernsehen gehen.  Im Sommer sind wir ins Schwimmbad Horner Moor gegangen oder haben auf der Autobahnbrücke die Autotypen gezählt.  Am Sonntag gingen wir zu Fuß in unterschiedliche Hamburger Kirchen, besonders gerne in den Michel, wenn dort Professor Helmut Thielicke oder Bischof Herntrich predigten.  Mit Bruder Will, meinem Familienleiter, habe ich mich gut verstanden.  Er hatte seine Freundin in Island und auch Verständnis, wenn meine Ilse mal zu Besuch kam.  In die Anstalt durfte sie ja nicht, und sie wartete dann in „Wicherns Eck“, einer Kneipe am Rhiems-Weg.  Wir hatten uns vorgenommen, später mal ein Heim zu leiten, und so war sie ins Diakonissenmutterhaus nach Rothenburg gegangen, um dort die Großküche zu lernen.  Manchmal fuhr ich auch nach Harburg, wo wir uns auf dem Bahnhof trafen, weil sie dort umsteigen musste, wenn sie nach Hause fuhr.  Selten hatte ich mal einen freien Sonntag, an dem wir in Planten un Blomen oder an der Alster spazieren gehen konnten.  Einige Wochen war Bruder Lothar Schulz krank, der damals Hausbruder war.  Da musste ich dann die Koksheizungen der Häuser Tanne, Goldener Boden und Bienenkorb neben meinen beiden Heizungen auch noch mit versorgen.  Besonders hart war der Bienenkorb an Waschtagen.  Ich musste dann oft vom Unterricht fortlaufen und Koks nachschaufeln.

Nach dem Wohlfahrtspflegerexamen wurde ich wieder in den Erziehungstrott des Rauhen Hauses eingegliedert.  Dieses letzte Ausbildungsjahr galt gleichzeitig als Anerkennungsjahr für die staatliche Anerkennung als Wohlfahrtspfleger.  Der aus dem englischen Sprachraum übernommene Terminus Sozialarbeiter war damals in Deutschland noch nicht üblich.  Ein eventueller Abbruch der Diakonenausbildung nach dem Wohlfahrtspflegerexamen war wegen des Jahrespraktikums ohnehin kaum realisierbar.  Ich hatte noch keine eigene Familie bekommen und sollte für einige Wochen einen Familienleiter vertreten.  Als ich Bruder Füßinger etwas vorlaut fragte, ob ich dann auch das Familienleiter-Taschengeld bekäme, das waren immerhin 30 DM im Monat, sah er mich ziemlich böse an und entgegnete: „Wenn ich Pastor Donndorf vertrete, bekomme ich auch nicht sein Gehalt.  Dann ist das eine Ehre für mich, dass ich es darf.“  Nach einiger Zeit wurde ich dann Familienleiter im Parterre der Johannesburg und Bruder Lothar Schulz mein Gehilfe.  Soweit ich mich erinnere, hatten wir neun Jungen, fast alle recht umgänglich.  Einer kam aus Südamerika und hatte deutsche Großeltern.  Sorge machte mir ein Junge aus St. Pauli, der öfter die Schule schwänzte.  Ich habe mit ihm gewettet, dass er später nie einen ordentlichen Beruf erlernen würde – und habe die Wetter verloren.  Er kam später in Bundeswehruniform zu mir, zeigte mir seinen Bäcker-Gesellenbrief  und verlangte seinen Kasten Bier, den ich ihm dann auch bezahlt habe.  Schlagen durften wir die Jungen nicht.  Wenn uns doch einmal im Eifer des Gefechts die Hand ausrutschte, mussten wir einen Bericht darüber schreiben.  Manchmal war abends zur Schlafenszeit keine Ruhe in die Vierbettzimmer zu bekommen.  Dann haben wir die Störenfriede aus den Betten geholt, und sie mussten vor der Konvikttür stehen und Gesangbuchverse auswendig lernen.  Wir saßen derweil am Schreibtisch und büffelten für den eigenen Unterricht.  Neben der Verwaltung des Taschengeldes für die Jungen hatten wir auch noch eine Familienkasse zu führen und sonst noch mit Berichten über die Jungen viel Schreibarbeit. 

* * *

Bruder Klaus Kosbab berichtet:

http://.heimat-genealogie-stolp.de/index.php/klaus-kosbab...   (gekürzte Adresse – nach Klaus Kosbab Rauhes Haus googlen!)

Kattendorfer Hof

Hinter dem Herrenhaus gab es einen Garten in diesem stand ein kleineres Haus, „Brabant“, in dem eine Gruppe schulpflichtiger Jungen mit ihren „Brüdern“ (Erziehern) lebten… Bruder Schönau machte uns bekannt. „Das ist Bruder Heinz Barre.“  So, oder so ähnlich, wird es gewesen sein.  Dann sind wir ins „Schweizerhaus“ gegangen, in dem ich zunächst wohnen sollte. Im Erdgeschoss wohnte eine Gruppe von Jungen, im Rauhen Haus „Familie“ genannt, mit ihren „Brüdern.“  Mein zukünftiger Schlafraum lag im Obergeschoss schräg unter dem Dach.  Als ich den sah, war ich sehr enttäuscht.  Mit einem Zimmer hatte dieser Raum wenig Ähnlichkeit.  Eingerichtet war er mit einem Bett, einem Tisch und Stuhl und einem schrankähnlichen „Gebilde“, das durch eine Brettertür, vor einem Teil der Dachschrägung, als solches erkennbar war.  Bald konnte ich feststellen, dass in Bezug Wohn- und Sanitärräume einiges recht „bescheiden“ gehalten wurde.  Allerdings, war alles sauber und ordentlich!  Bruder Barre leitete eine Familie mit Jugendlichen, von denen einige eine leichte geistige Behinderung hatten.  Diese jungen Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft oder gehörten zur „Kuhstallbesatzung.“  Als Bruder Latzke nach kurzer Zeit den Hof verlassen hatte, habe ich die „Treuburgbesatzung“ übernommen.  Dazu gehörten drei junge Männer, die mit mir in der Landwirtschaft tätig waren und einer, der zur Kuhstallbesatzung gehörte.  Im Laufe der Monate haben uns einige junge Männer verlassen, andere sind zu uns gekommen.  Die „Treuburg“ war ein Raum zwischen Kuh- und Pferdestall mit einem großen Fenster, aber ohne Windfang vor der Tür (Staub).  Ausgestattet war er mit zwei Doppelstockbetten, einem Einzelbett für mich, fünf Spinden (Schränke), einem „Schreibtisch“ für den Familienleiter, also für mich, einigen Stühlen und einem kleinen Ofen.  Die jungen Männer, mit denen ich dort zusammen lebte, waren die ältesten von den betreuten Menschen auf dem Hof.  Zwei von ihnen waren geistig leicht behindert.  Die Jungen von Bruder Barre und meine „Treuburger“ bildeten oft eine Gruppe, die von Bruder Barre oder mir bei den verschiedensten Arbeiten geleitet und begleitet wurden.  Meine „Treuburger“ kamen alle aus Städten.  In Berlin, Essen, Bremen, Celle, und Kiel waren sie zu Hause.  Umso erstaunlicher waren ihre Leistungen, die sie hier in der Landwirtschaft brachten.  Einige hatten es mit sich selber nicht immer ganz leicht und waren Stimmungen unterworfen.  Da genügte manchmal ein Brief, dessen Absender nicht „geliebt“ wurde, um in miese Laune zu geraten.  Hin und wieder überkam den einen oder anderen das Heimweh, so dass er versuchte, unsere „schöne Gemeinschaft“ zu verlassen.  Wenn es möglich war, habe ich alles getan, solch einen „Ausflug“ zu verhindern.  Auch zum Schutze des „Heimwehkranken“.  Kattendorf lag verkehrsmäßig sehr ungünstig, wie sollte man von hier weg kommen?  Die Versuchung ein Fahrrad zu „finden“, war groß und damit für den „Finder“ sehr gefährlich!  Bei dem engen Miteinander im Wohnen, bei der Arbeit und in einigen privaten Bereichen, in denen wir lebten, leben mussten, bedurfte es schon von allen Beteiligten Verständnis für die persönliche Situation des anderen und Sensibilität im Umgang miteinander.  Ob ich diese Bedingungen immer genügend erfüllt habe, vermag ich nicht zu sagen, bemüht habe ich mich.

Rauhes Haus

Im Internat lebten etwa 190 bis 200 Jungen, in Gruppen, hier Familien genannt, die von Brüdern in der Ausbildung geleitet wurden.  In der Regel von einem Familienleiter, der von einem „ersten“ und einem „zweiten“ Gehilfen unterstützt wurde.  Der Familienleiter in der Erziehungsarbeit war gegenüber Bruder Potten verantwortlich.  Dieser hielt regelmäßig Dienstbesprechungen ab, in denen alles angesprochen wurde, was in den Familien geschah.  Hier konnten wir unsere Fragen stellen und wir haben Antworten erhalten.  Es waren hilfreiche Gespräche, die wir miteinander führen konnten.  Und die brauchte ich für die Arbeit an, mit und für die Jungen.  Und auch für mich!  Eine ganz andere Dienstbesprechung, zu der die Brüder zu erscheinen hatten, gestaltete Bruder Füssinger.  Hier ging es meistens um Arbeiten im Gelände, die getan werden mussten und um Regularien für Brüder in der Ausbildung, die zu beachten waren.  „Lerne, höre und gehorche“ könnte ein Motto seiner Lebensphilosophie gewesen sein.  Den Begriff Autorität schien Bruder Füssinger nur im Sinne von „autoritär“ zu definieren.  Autoritäten sind für das Miteinander einer Gesellschaft oder auch einer Gemeinschaft, wie die unsere im Rauhen Haus, wichtig und förderlich.  Doch „autoritäres“ Handeln und Leiten demotiviert, kränkt und kann zur Opposition führen.  Diese Erfahrung habe ich allerdings nicht gleich am ersten Tag gemacht, sondern im Laufe der Jahre, die ich mit und unter Bruder Füssinger gelebt und erlebt habe.  Und andere mit mir!  Davon erzähle ich später mehr.

Nun zurück zum 6. Mai 1960: Meine erste Dienststelle im Rauhen Haus wurde die Lehrlingsfamilie im Haus „ora et labora“, in der Bruder Porrmann Familienleiter war.  Er war im letzten Jahr seiner Ausbildung und ein Jahr jünger als ich.  Bruder Dahlhoff, etwas älter, als ich, war zweiter Gehilfe.  Ich wurde als erster Gehilfe eingesetzt.  Warum?  In der Familie waren etwa acht (10?)  junge Männer, die in verschiedenen Betrieben eine Ausbildung erhielten.  Sie waren natürlich den ganzen Tag unterwegs.  Die eigentlichen Begegnungen mit ihnen hatten wir am Abend, die im Wesentlichen aber von Bruder Porrmann gestaltet wurden.  Gespräche, Beratungen, hier und da eine Ermunterung, gehörten dazu.  An problematische Ereignisse kann ich mich nicht erinnern.

Da wir als Gehilfen am Tage nicht ausgelastet waren, wurden wir auch zu anderen Aufgaben geholt.  Das galt bei Bedarf für alle Gehilfen, die in Familien eingesetzt waren.  Sei es, dass aus einer Sargfabrik Holzabfälle geholt werden mussten.  Oder alte Möbel als Spenden für das Rauhe Haus.  Das Holz und manche Möbel musste zerkleinert und in einem Schuppen verstaut werden.  Dieser wiederum diente als Lagerraum für mancherlei Dinge, die hin und wieder geordnet werden mussten.  Es gab genug zu tun!  Für die Erledigung der gestellten Aufgaben war ein Bruder als so genannter „Vogt“ eingesetzt.  Bruder Füssinger hatte alles in festen Händen.

* * *

Der Zeitgeist der 1968er Studentenbewegung spielte bei den tiefgreifenden Veränderungen in der Heimerziehung um 1970 herum die entscheidende Rolle.  Die „antiautoritäre“ Erziehung sprengte die herkömmlichen Erziehungsmethoden sowohl in den Familien als auch in der öffentlichen Erziehungshilfe.  Dass diese antiautoritäre Erziehung manche fraglichen Blüten trieb, steht heute wohl außer Frage.

* * *

Interessant ist es für mich vor allem, wie ehemalige Jungen des Rauhen Hauses heute über ihre Zeit dort denken.  Karsten Voigts Reaktion wurde ja in der Studie vorgestellt.  Ich habe ihn noch als Jungen erlebt, als er bei Karlheinz Franke in der Familie Kastanie unten lebte.

Hans Olaf Henkel, früherer Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, war in den 1950er Jahren als Junge im Rauhen Haus.  Darüber berichtete das Rauhe Haus 2001: http://www.rauheshaus.de/uploads/media/RHBote_201.pdf

47 Jahre ist es her, dass der damals 14-jährige Hans-Olaf Henkel für ein halbes Jahr im Rauhen Haus lebte.  Damals, 1954, war es eine Wohn- und Erziehungsstätte für Schüler und Lehrlinge.  Henkel, bis zum Dezember 2000 Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), hat seine Zeit im Rauhen Haus als lebensentscheidend in Erinnerung behalten: »Damals ist bei mir der Knoten geplatzt«, sagt er.  Aus dem schlechten, unaufmerksamen Schüler wurde ein Junge, der verstanden hatte, »dass Leistung Freiheit bedeutet«.

Am 10. April 2001 war Hans-Olaf Henkel (inzwischen 61) wieder im Rauhen Haus, um Erinnerungen aufzufrischen, sich über die heutige Arbeit der Stiftung zu unterrichten

Unter dem 6. Januar 2011 fand ich einen Eintrag in einem meiner Internet-Gästebücher von einem Herrn Schmiedeberg (mannebrigg(at)yahoo.de):

„eine ganz neugierige frage: WEISS IRGENDJEMAND OB "BRUDER" KAI ANTHOLZ NOCH LEBT und wenn, wo? ich war von herbst 53 bis frühjahr 57 auf dem hof. erinnern kann ich mich noch an Bruder Löffelmacher (53/54), Bruder Antholz (55/56), BESTE ZEIT!!! müsste heute ca 73 jahre alt sein, Bruder Pirwitz ( der name sagt alles ) und natürlich Vater Graul + Terrier Flocky.

Am 9. Januar 2011 rief mich Herr Schmiedeberg an.  Er hatte Kai Antholz (†) in sehr guter Erinnerung und lobte dessen damaliges pädagogisches Engagement.  Die harte Schule auf dem Hof habe ihm nicht geschadet.  Er erinnere sich gerne an die Zeit.  Sein Leben hat er offenbar gut gemeistert und er war beruflich erfolgreich.

Kai Antholz wohnte mit seiner Gruppe älterer Schüler im Schweitzerhaus unten.  Die beiden Gruppen jüngerer Schüler wohnten in einem Haus hinter dem Herrenhaus.  Dort „pädagogisierten“ wechselweise die Brüder Udo Pütt (später jahrelang in den SOS-Kinderdörfern verantwortlich tätig), Gerhard Jeromin (ausgetreten) und Schauer (von der weiteren Diakonenausbildung ausgeschlossen und danach pflegerisch in den Alsterdorfer Anstalten tätig).

* * *

Die Umbrüche der Jahre 1968 bis heute, die tiefgreifenden Wandlungen der Diakonenausbildung im Rauhen Haus, wurden m. E. in erster Linie durch den äußeren Druck der Bildungsreform und Hochschulgesetze und dem damit zusammenhängenden Zwang zu großen Zahlen herbeigeführt.  Die Alternative: Aufwertung des Diakonenberufes durch Fachhochschuldiplom und damit Erhalt der Befähigung zum Heimleiter in vielen Bereichen der Sozialarbeit, oder Bescheidung auf Fachschulniveau führte, wie Wolfgang Braun richtig sah, zu ambivalentem Verhalten in den entscheidenden Gremien der Brüderschaft und des Rauhen Hauses.  Der Zeitgeist der 1968er Studentenbewegung mag bei den fundamentalen Veränderungen um 1970 herum auch eine große Rolle gespielt haben, aber m. E. war vor allem der Verlust der „moralisch-religiösen Motivation“, wie Braun es nennt, der christlich motivierten Dienstbereitschaft des Diakonen-Bewerbernachwuchses ausschlaggebender Grund für die Veränderungen.  Die kirchliche Jugendarbeit brachte nicht mehr die glaubens- und bekenntnismotivierten jungen Leute hervor, wie sie in den unmittelbaren Nachkriegsjahren ins Rauhe Haus kamen.  Wirkte sich da die nachlassende geistliche Qualität kirchlicher Verkündigung aus?  Es kam ja nicht nur im Rauhen Haus und in der Diakonenausbildung zu entscheidenden Qualitätsveränderungen, sondern auch an den theologischen Fakultäten.  Auch dort spielte in den 1970er Jahren Ideologie oft eine größere Rolle, als christliche Motivation.  Die Veränderungen und Umbrüche um 1970 bei der Diakonenausbildung und in der Erziehungsarbeit im Rauhen Haus waren wechselseitig.

August 2011                                                       Jürgen Ruszkowski

Diakone des Rauhen Hauses

 Diakonenschüler 1954

  Erziehung durch Diakone um 1950-60  

 Karsten Voigt 

  Heimerziehung 1920er

Diakone Rauhes Haus_/klack.org

  Start der Diakonenausbildung im Rauhen Haus 1954

Diakonenunterricht um 1955 im Rauhen Haus

    Füßinger

   Diakon Gerhard Niemer

 Antholz Kai


 Aus der gelben Buchreihe des Webmasters

Band 10 - Band 10    

Autobiographie des Webmasters - Rückblicke: 27 Jahre Himmelslotse im  Seemannsheim   ganz persönliche Erinnerungen an das Werden und Wirken eines Diakons


13,90 € - Bestellungen -

- Band 11 

Genossen der Barmherzigkeit 

 Diakone  des Rauhen Hauses


Diakonenportraits

13,90 € - Bestellungen  -

Band 12 - Band 12  

Diakonenportrait

Autobiographie: 

Diakon Karlheinz Franke 

 

12 € - Bestellungen  -

Band 13  - Band 13  

 Diakonenportrait

Autobiographie

 Diakon Hugo Wietholz

 
13,90 € - Bestellungen  -

 weitere websites des Webmasters: 


 

maritimbuch.de

maritimbuch.klack.org/index

Juergen Ruszkowski_Hamburg-Rissen.klack.org
www.seamanstory/index

seamanstory.klack.org/index

Jürgen Ruszkowski npage
maritimbuch.npage

seemannsschicksale.klack.org

Jürgen Ruszkowski google
seefahrt um 1960_npage

seeleute.klack.org

theologos.klack.org

seefahrtserinnerungen google

seefahrer.klack.org Theologisches bei Jürgen Ruszkowski
seefahrtserinnerungen npage seefahrtserinnerungen klack.org Diakone Rauhes Haus_/klack.org
salzwasserfahrten_npage maritimbuch.kilu.de Rauhes Haus 1950er Jahre_google

maritime_gelbe_Buchreihe_google

hafenrundfahrt.klack.org

Rauhes Haus 1950er Jahre npage

sites.google.com/site/seefahrtstory

schiffsbild.klack-org

Rauhes_Haus_Diakone_npage
seeleute_npage

schiffsbild.npage

Rauhes Haus Diakone google

nemesis_npage zeitzeugenbuch.klack.org

seemannsmission npage

  zeitzeugenbuch.wb4.de

seemannsmission.klack.org

 

zeitzeugen_1945_npage

seemannsmission google

maritimbuch/gesamt

 

seamanstory.klack.org/gesamt

maririmbuch/bücher

seamanstory.klack.org/Bücher

meine google-bildgalerien

maritimbuch.erwähnte Schiffe

subdomain: www.seamanstory.de.ki
Monica_Maria_Mieck.klack.org/index

Diese site besteht seit dem 29.08.2011 - last update - Letzte Änderung 22.10.2011 22:47:11

Jürgen Ruszkowski ©   Jürgen Ruszkowski  © Jürgen Ruszkowski