Heimerziehung 1920er

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Heimerziehung in den 1920er Jahren

 Als Reaktion auf die Schrift Schläge im Namen des Herrnwurde auch im Rauhen Haus gefragt: Wie war es hier in den 1950er und 1960er Jahren?  Dr. Tilman  Lutz erstellte daraufhin im Auftrage der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie des Rauhen Hauses die Studie „Strenge Zucht und Liebe“.  Darin wird leider nicht auf die Diskussionen in den 1920er Jahren Bezug genommen, als das Thema Heimerziehung und Prügelstrafe heiß diskutiert wurde.

* * *

Michael Häusler erstellte im Auftrage der Diakonenschaft eine Studie über die Deutsche Diakonenschaft (1913 – 1947) „Dienst an Kirche und Volk“, die 1995 bei Kohlhammer erschien – ISBN 3-17-013779-4 – heißt es zum Thema Heimerziehung im Kapitel "Revolte im Erziehungshaus":

Einen weiteren wesentlichen Faktor stellten die Erfahrungen ihrer diakonischen Arbeit dar.  Dem Bereich der Fürsorgeerziehung kam dabei besondere Bedeutung zu.  Zum einen war die Arbeit in den Erziehungsheimen der Inneren Mission das erste Arbeitsfeld der Brüder gewesen, aus dem die Männliche Diakonie Wichernscher Prägung einen entscheidenden Teil ihrer Identität bezog.  Zum anderen handelte es sich bei der Erziehungsarbeit um einen der größten und wichtigsten Arbeitszweige der Männlichen Diakonie: Mitte der zwanziger Jahre arbeitete etwa jeder sechste Diakon als Hausvater oder weiterer fest angestellter Erzieher in einem Erziehungsheim.  In den Brüderhäusern Züllchow und Rickling war es gar jeder dritte.  Hinzu kam eine Vielzahl von Hilfsdiakonen, die im Rahmen ihrer Ausbildung ein zumeist einjähriges Praktikum in der Fürsorgeerziehung absolvierten.  Bei einer anfangs stabilen Zahl fest angestellter Erzieher nahm die Bedeutung dieses Arbeitsfeldes nur durch den allgemeinen Zuwachs innerhalb der Diakonenschaft allmählich ab; erst seit 1928 gingen die Erzieherstellen stark zurück, und dieser Berufszweig drohte zu einem unter vielen abzusinken (Tab. 1).

Jahr

Diakone

insg.

davon

Erzieher

in fester Stellung

Diakone

in fester

Stellung

davon

Erzieher

 

absolut     -

abs.

in %

absolut

abs.

in%

1923

2875

372

12,9

2292

372

16,2

1924

2935

345

11,8

2297

345

15,0

1925

3096

368

11,9

2296

368

16,0

1926

3443

361

10,5

2363

361

15,3

1927

3363

360

10,7

2490

360

14,5

1928

3611

372

10,3

2528

372

14,7

1929

3747

365

9,7

2585

365

14,1

1930

3880

357

9,2

2798

357

12,8

1931

4097

355

8,7

2929

355

12,1

1932

4151

336

8,1

3016

336

11,1

1933

4252

297

7,0

3017

297

9,8

Tab. 1: Diakone in der Fürsorgeerziehung 1923 - 1933

Nach W. Backhausen, Verhandlungen. - Backhausen war Vorsitzender des Allgemeinen Fürsorge-Erziehungstages (AFET) u. Leiter der Erziehungsabteilung des Stephansstifts.

Die Konflikte, die sich auf diesem Feld in der Zeit der Weimarer Republik zutrugen, waren keineswegs auf das fachliche Gebiet beschränkt.  Vielmehr war der Streit um die Fürsorgeerziehung durch die Verschränkung von pädagogischer Grundlagendebatte und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung bestimmt.  Während manche Beteiligte sich um eine Versachlichung des Konflikts bemühten, führten andere anhand der Fürsorgeerziehung einen grundsätzlichen Kampf um die Rolle der Kirche in der Gesellschaft.  Die Erzieher waren gleichermaßen Objekte wie Subjekte dieser Auseinandersetzung, an der sich der Wandel der Männlichen Diakonie von Kooperation zu Konfrontation mit dem Weimarer Staat beispielhaft aufzeigen lässt.

Um die Mitte der zwanziger Jahre war die Fürsorgeerziehung noch immer eine Domäne der Inneren Mission.  Aufbauend auf den Grundlagen der christlichen Rettungshausbewegung, hatten beide großen Konfessionen ein flächendeckendes Netz von Erziehungsheimen in Deutschland errichtet, bevor sich erste Regungen hinsichtlich der Gründung nichtkonfessioneller Heime bemerkbar machten.  Im Jahr 1926 befanden sich von den 776 deutschen Erziehungsheimen 420 in evangelischer, 240 in katholischer und acht in jüdischer Trägerschaft.  Diese konfessionelle Verteilung entsprach dem zahlenmäßigen Übergewicht, das die Protestanten innerhalb der Gesamtbevölkerung und folglich auch unter den Fürsorgezöglingen besaßen.  Nur 108 Heime waren konfessionell nicht gebunden, unter ihnen 97 Häuser von öffentlichen Trägern.  In manchen Ländern und Provinzen existierten überhaupt keine staatlichen Erziehungsheime – vielmehr hatte der Staat nach dem Muster der preußischen Erziehungsgesetze von 1878 und 1900 zwar die gesetzlichen Grundlagen für die Einweisung auffälliger oder von Verwahrlosung bedrohter Kinder und Jugendlicher geschaffen, es aber nicht als seine Aufgabe angesehen, deren Erziehung selbst in die Hand zu nehmen, sondern die konfessionellen Träger zur Gründung von Heimen in ausreichender Zahl ermuntert.  Auf der anderen Seite hatten die Hausväter es unter den Bedingungen der Monarchie als unproblematisch empfunden, „dass sie als Berufsarbeiter der I.M. staatliche Zwangsmittel in Anspruch nahmen, um ihre missionarische Aufgabe an Kindern und Jugendlichen durchzuführen.“ (Wolff, „Fürsorgeerziehung und männliche Diakonie", in: DDBl Mai 1928, 71) 

Diese spezifische Auswirkung des Bündnisses von Thron und Altar setzte die konfessionelle Fürsorgerziehung der heftigen Kritik der politischen Linken aus, die nach 1918 Raum zur Entfaltung bekam.

Der Zwangscharakter der Fürsorgeerziehung in Verbindung mit der Aburteilung sozial unangepassten Verhaltens als einen Mangel an christlicher Sitte und der milieubezogenen Einweisungspraxis der Behörden provozierte auf sozialistischer Seite den Vorwurf, die Fürsorgeerziehung sei ein Werkzeug des Klassenkampfes von oben.  Schon bei den Verhandlungen der Nationalversammlung stellten SPD-Vertreterinnen daher den Antrag auf Festlegung einer gesetzlichen Bestimmung, dass niemand aufgrund der politischen oder religiösen Betätigung oder Überzeugung der Erziehungsberechtigten oder des zu Erziehenden der Fürsorgeerziehung zugeführt werden dürfe.  Das Ziel müsse die völlige „Fernhaltung religiöser Betätigung auf dem Gebiete der Erziehung“ sein.  Kritik kam jedoch auch noch von einer anderen - wenngleich verwandten – Seite: der sich anbahnenden Reformpädagogik.  Sie stellte weniger die Motive, als die Methoden einer Anstaltspraxis in Frage, die unter Berufung auf die pädagogischen Leitbilder christlicher „Rettungspädagogik“ einen traditionalistischen, autoritären Pragmatismus an den Tag legte; der sich in der Durchsetzung der Anstaltsdisziplin und der Aufrechterhaltung einer gewiss selbst genügte. (So die Bestandsaufnahme von D. Peukert, Grenzen, 206, der auch in den so genannten „Reformanstalten“ die institutionellen Zwänge über die gut gemeinten pädagogischen Impulse dominieren sieht.)  Aus dieser Kritik der Anstaltspraxis erwuchs bald die Forderung nach einer verbesserten pädagogischen, möglichst staatlich geprüften Ausbildung der häufig nur angelernten Erzieher.

Eine sofortige Auswirkung auf die konfessionelle Fürsorgeerziehung hatte aber weder die praktisch orientierte Kritik der Reformpädagogen noch die politische Gegnerschaft der Sozialisten.  Entscheidend für die Bedingungen, denen die Heimerziehung in der Weimarer Republik unterlag, war vielmehr das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (RJWG), das 1924 in Kraft trat. (Zu Entstehung u. Wesen des RJWG siehe G Sachße / A Tennstedt, Geschichte, II, 99-I 10)

Schon mit der früheren Gesetzgebung hatte der Staat die Sorge für die Erziehung auffälliger oder verwahrloster Kinder zu seiner Aufgabe erklärt, sie aber sogleich den Pflegefamilien und privaten Anstalten überlassen.  Das RJWG schuf nun mit den Jugendämtern erstmals auch die Institutionen, die den staatlichen Erziehungsauftrag durch den Erlass geeigneter Richtlinien lenkend ausgestalten konnten.  Zugleich mit dem „Recht des Kindes auf Erziehung“ proklamierte das Gesetz in § 1 ein staatliches Erziehungsziel, das die Sicherstellung der „leiblichen, seelischen und gesellschaftlichen Tüchtigkeit“ des Kindes forderte. (RGBl 1922, T. 1, 633. - An der Formulierung dieses Erziehungsziels, wie auch an der Entstehung des RJWG insgesamt, waren die konfessionellen Wohlfahrtsverbände maßgeblich beteiligt.  Diese Tatsache widerspricht nicht dem Befund, dass die auf der Grundlage des RJWG ausgeübte Fachaufsicht des Staates von vielen Erziehern und Anstaltsleitern als Einschränkung der christlichen Fürsorgeerziehung angesehen wurde, sondern zeigt lediglich, dass die bei den Erziehungsreferenten der Inneren Mission feststellbare Rezeption der modernen Pädagogik von vielen Praktikern nicht mitgetragen wurde.)

Spannungen mit den konfessionellen Trägern der Fürsorgeerziehung waren vorprogrammiert, solange die Innere Mission einen Gegensatz zwischen dem staatlichen Ziel, den heranwachsenden Bürger für das Diesseits auszurüsten, und einem christlichen Erziehungsziel sah, welches „letzten Endes immer nur ein überweltliches, aus Ewigkeitsgedanken heraus geborenes sein kann.“ 

 

Zumindest geriet die evangelische Fürsorgeerziehung angesichts der Diskrepanz zwischen dem neu formulierten öffentlichem Erziehungsauftrag und der privatkonfessionellen Erziehungspraxis unter Rechtfertigungsdruck.  Dabei konnte sich das Legitimationsbedürfnis in zweierlei Richtungen auswirken: Einmal offensiv, indem man dem an sich geistlosen Staat die Fähigkeit und damit das Recht auf die Erziehung seiner Bürger absprach und behauptete: „Der Staat kann nicht erziehen. Erziehen kann nur die Kirche!“ (Ernst Frank (Stettin / Züllchow) als Fazit einer Versammlung der DDV-Ortsgruppe Stettin; BrBl Züllchow, Sept. 1926. - In etwas abgeschwächter Form findet sich diese These als Ergebnis eines Jugendführerkurses im Neinstedter Brüderhaus v. 27.-29.3.1929. Demnach „steht unser Erziehungsziel über dem des Staates. Unserer Weltanschauung kann der Staat niemals Genüge leisten, darum pflegen und erziehen wir unsere Kinder selbst.“ BrBI Neinstedt, Juni 1928. - Diese im Blick auf die Jugendpf1ege formulierte Abgrenzung von staatlichen Erziehungszielen galt grundsätzlich auch für die lugendhi1fe) Oder defensiv, indem man sich dem Eigenrecht des Staates unterordnete und sich bemühte, durch gewissenhafte Erfüllung staatlicher Vorgaben das Recht zur weiteren Mitarbeit an den staatlichen Erziehungsaufgaben zu sichern. (Wolff, „Fürsorgeerziehung und männliche Diakonie“, in: DDBl Mai 1928, 73 f.) Diesen Weg der Kooperation mit staatlichen Stellen schlug zumindest ein Teil der Männlichen Diakonie von Anfang an mit Erfolg ein.  Im Land Sachsen, wo die SPD-Dominanz eine besonders kirchenkritische Haltung der Fürsorgeerziehungsbehörden erwarten ließ, suchte und fand die dort beheimatete Diakonenanstalt Moritzburg die besondere Anerkennung ihrer Arbeit.  Um die Qualität der diakonischen Ausbildung unter Beweis zu stellen, führte Moritzburg schon Anfang 1923 eine eigene Erzieherprüfung ein, zu der man auch regelmäßig Regierungsvertreter bat, die sich stets lobend zu den gezeigten Leistungen äußerten. (BrBI Moritzburg, Jan./Febr. 1923. - Zur Erzieherausbildung vgl. u. Kap. ILB.3., 158 f.) Die positive öffentliche Resonanz ging schließlich so weit, dass die Moritzburger Erzieherausbildung von Seiten der sozialistischen Erziehungsanstaltsdirektoren Sachsens trotz aller ideologischen Vorbehalte als vorbildlich dargestellt wurde. (Direktor Schlosser (Leiter d. Städt. Kinderheims Chemnitz), „Fürsorgeerziehung und Jugendfürsorge", in: Sächsische Staatszeitung, 5.11.1924. Vgl.: Bausteine, Monatsblatt des sächsischen Landesvereins für Innere Mission, März 1925.) Tatsächlich litten die von der öffentlichen Hand in diesen Jahren neu eingerichteten Heime darunter, dass sie ihre fortschrittlichen Erziehungskonzeptionen mangels geeigneten Personals kaum in die Tat umsetzen konnten.  Solange staatliche Erzieherschulen fehlten, mussten auch die öffentlichen Träger regelmäßig auf Diakone als Erzieher zurückgreifen, was ihre Abgrenzungsversuche gegenüber den konfessionellen Heimen zwangsläufig untergrub.  (Siehe die Besetzung der hessischen Anstalt Wabern mit einem Hausvater und sechs weiteren Brüdern aus Hephata.  Die Initiative dazu ging von einem Vertreter der Linksparteien einer sich zu Inspektionszwecken in Hephata aufhaltenden Provinzialkommission aus; Happich, Chronik der Anstalt Hephata, Juli / Aug. 1927; HDH.)

Doch die Anerkennung ihrer vergleichsweise guten Ausbildungsstandards durch die Praktiker der staatlichen Fürsorgeerziehung brachte der evangelischen Jugendhilfe keine spürbare Entlastung von der öffentlichen Kritik.  Denn diese wandte sich prinzipiell gegen die bisher praktizierte Form der Fürsorgeerziehung, und gerade weil sie von außen kam, fand sie weitaus mehr Beachtung als die interne Sachdiskussion.  Je mehr die Öffentlichkeit über das Leben in den Erziehungsanstalten erfuhr, desto entsetzter reagierte sie auf die inneren Zustände in dieser gesellschaftlichen Abstellkammer für das Strandgut des Zivilisationsprozesses.  Den vorläufigen Höhepunkt in einer ganzen Kette von Enthüllungen bildeten die Publikationen Peter Martin Lampels, der seine Erfahrungen als Hospitant in der Brandenburgischen Vorzeige-Anstalt Struveshof in der Reportage „Jungen in Not“ und dem Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“ verarbeitet hatte. (P. M. Lampel (Hg.), Jungen in Not. Berichte von Fürsorgezöglingen, Berlin 1928. - Ders.,. Revolte im Erziehungshaus. Schauspiel der Gegenwart in drei Akten, Berlin 1929. - Vgl. D. Peukert, Grenzen, 240-245.) Die ausführlichen Selbstzeugnisse der Jungen in der Reportage, vor allem aber die Beschreibung einer sich aus nichtigem Anlass entwickelnden, ziellosen und (selbst)zerstörerischen Anstaltsrevolte rückten die gewalttätigen und Gewalt reproduzierenden Strukturen der Erziehungspraxis ins Blickfeld der Öffentlichkeit.  Lampels vielfach aufgeführtes Stück rüttelte das kritische Publikum weiter auf, das Thema wurde populär, und die gesellschaftspolitische Diskussion geriet nun vollends ins Fahrwasser der parteipolitischen Auseinandersetzung.  Jede auch kleinere Heimrevolte, die bislang völlig unbeachtet geblieben wäre, wurde von der Presse detailliert behandelt und von den Kritikern als ein weiteres Zeichen des völligen Ruins der Anstaltserziehung gewertet.  Das Objekt dieser Fundamentalkritik von links war zwar das Fürsorgeerziehungssystem als Ganzes, im Kreuzfeuer der Angriffe standen aber besonders die konfessionellen Träger als vermeintliche Urheber dieses Systems und Inbegriff konzeptioneller Rückständigkeit.

Die auf evangelischer Seite häufigste Reaktion auf diese radikale Infragestellung ihrer Arbeit war die vollständige Zurückweisung der öffentlich erhobenen Vorwürfe.  Kritik von dieser Seite des politischen Spektrums duldete man nicht.  Büchsel, der sich Lampels Stück im Rahmen einer BVK-Tagung angeschaut hatte, kam zu dem für viele Diakone beruhigenden Urteil: „Das Ganze ist ein Tendenzstück übelster Art und eine schlimme Karikatur der wirklichen Verhältnisse in unseren Anstalten.“ (Brüderbrief Büchsels; BrBI Neinstedt, April 1929.) Indem man dem Kritiker ideologische Motive unterschob, meinte man sich seinerseits eine Auseinandersetzung in der Sache ersparen zu können.  Neben solcher Selbstzufriedenheit machten sich aber auch Verunsicherung und Selbstzweifel unter den Erziehern breit – schließlich repräsentierten sie das bekämpfte System an seiner Basis, und nicht selten wurde das Problem der Fürsorgeerziehung auf ein Problem der Erzieherschaft reduziert.  Stimmen wie die des Pädagogen Erich Weniger, der aus Lampels Stück als stärksten Eindruck mitgenommen hatte, wie hoffnungslos schwer diese Arbeit für die sich mühenden Erzieher SD, blieben die große Ausnahme. (E. Weniger, Selbstkritik, 718; nach D. Peukert, Grenzen, 246. - In ähnlicher, gleichwohl überspitzter Weise machte sich Schreiner für die Erzieher stark, wobei er zum „entscheidenden Punkt bei dem Kampf um die Fürsorgeerziehung (... ) das Problem des Schutzes der Erzieher" erhob. Zu diesem Artikel, in dem Schreiner auch die Aussonderung vermeintlich unerziehbarer Jugendlicher in Bewahrungsanstalten forderte, siehe D. Peukert, Grenzen, 249 f) Wie die öffentliche Kritik auf die Diakone wirkte, macht ein Stimmungsbild des Züllchower Bruders Klos deutlich, der zuerst die Angriffe auf christliche Erzieher in kommunalen Heimen beklagte und dann fortfuhr: „Es gilt auf der Hut zu sein, unliebsame Vorkommnisse müssen vermieden werden, sie werden heute sofort verallgemeinert und breitgetreten.  Es bilden sich Vereine ehemaliger Fürsorgezöglinge und Vereine der Eltern von Zöglingen.  Alles wird ausspioniert und wenn auch mit Lügen, jede Entgleisung breitgetreten, wehe dem Hausvater, der vor diesem Forum sich verantworten muss.“ (Bericht über die DDV-Vertreterversammlung in Berlin v. 14.-16.3.1927; BrBf Züllchow, Mai 1927. Vgl. den ausführlichen Bericht in: ODBl Mai 1927, 81-83.)  Die Konsequenz, so Klos weiter, dürfe sich aber nicht auf ein bloßes Klagen über ungerechtfertigte Angriffe beschränken, vielmehr müsse man den Hebel bei sich ansetzen, nur wirklich fähige Leute in der Fürsorgeerziehung beschäftigen und die schon tätigen Erzieher entsprechend fortbilden.  Damit gab Klos eine stärker selbstkritische Tendenz wieder, die sich allerdings nur intern äußerte; ihr wichtigster Vertreter war Stephansstifts-Vorsteher Wolff, der als Vorsitzender des Allgemeinen Fürsorge-Erziehungstages (AFET), der Zusammenfassung aller durchführenden und gesetzgebenden Instanzen der Fürsorgeerziehung, auch die Stimmung außerhalb der Inneren Mission gut kannte und erheblichen Einfluss nach allen Seiten besaß.  Er wurde nicht müde, die Männliche Diakonie darauf hinzuweisen, „dass in unseren Reihen tatsächlich nicht alles in Ordnung ist.“  Es könne beispielsweise nicht angehen, dass der DDV ausgerechnet einen solchen Diakon zum Leiter seiner Kommission für Erziehungsfragen gewählt hätte, der als Hausvater in Königsberg (Neumark) selbst für den Ausbruch einer Revolte verantwortlich gewesen sei.  Keinesfalls dürfe man aus falsch verstandener Solidarität mit einigen Versagern die ganze Erziehungsarbeit aufs Spiel setzen: „Wir müssen mit harter, energischer Hand zufassen und diejenigen unter uns, die keine wirklichen Leute der Inneren Mission mehr sind, schnellstens hinausbefördern.“ (Wolff an Lehmann, 30.5.1928; ADW, DD 278. - Zur Fürsorgeerziehung im Stephansstift siehe C. Mehl, Stephansstift 1924-46, 50-59.)  Gleichzeitig initiierte Wolff mit dem Hinweis, dass die evangelischen Erziehungsanstalten „nicht nur Menschen mit ,Sendung’, sondern auch Menschen mit ‚Schulung’“ (Wolff, „Fürsorgeerziehung und männliche Diakonie", in: DDBl Mai 1928, 73.) bräuchten, eine Ausbildungsoffensive, mit der er das verlorene Vertrauen der Öffentlichkeit zurück zu gewinnen hoffte.  Bis 1930 hatten die meisten größeren Brüderhäuser eine spezialisierte Erzieherausbildung für ihre Diakone eingeführt.  Die in Zusammenarbeit mit dem Evangelischen Reichs-Erziehungsverband (EREV) gegründete Heimerzieherschule in Treysa stand darüber hinaus auch Nicht-Diakonen offen. (Im Johannesstift, Stephansstift und Rauhen Haus fand die Spezialausbildung in den angeschlossenen Wohlfahrtspflegerschulen statt; Nazareth besaß wie Hephata eine spezielle Erzieherschule (nur für eigene Diakone), viele der übrigen Brüderhäuser führten Erzieherkurse im Rahmen der allgemeinen Diakonenausbildung durch. Siehe den Überblick im Protokoll der Sitzung der Ausbildungskommission des AFET v. 7.2.1931; ADW, EREV 118.)  Dass die Männliche Diakonie trotz erheblicher Bedenken einiger Vorsteher, die eine zu starke Verschulung und Verteuerung der Ausbildung befürchteten, sich auf diesen Weg begab, beruhte nicht zuletzt auf der Intervention der Fürsorgebehörden.  Das preußische Wohlfahrtsministerium begleitete die Qualifizierungsbemühungen der Erziehungsanstalten mit der Vorbereitung einer gesetzlichen Bestimmung über die staatliche Zulassung von Heimerziehern, die nur noch Absolventen von Erzieher- oder Wohlfahrtspflegerschulen gewährt werden sollte.  Eine solche Regelung hätte zwar viele minder qualifizierte Diakone langfristig mit Arbeitslosigkeit bedroht, den übrigen jedoch mit der staatlichen Anerkennung eine Waffe zur Abwehr der gegen sie gerichteten öffentlichen Kritik an die Hand gegeben. (Zu den staatlichen Vorgaben und der durchweg positiven Reaktion der Inneren Mission siehe ebd. - Die Trendwende in der Fürsorgepolitik 1932 in Verbindung mit der Absetzung der preußischen Regierung im Juli 1932 setzten dem Vorhaben des Ministeriums ein Ende.)

Die Erfolge der Ausbildungsreform ließen zwangsläufig auf sich warten – das Problem waren jedoch die gegenwärtig im Dienst stehenden, schlecht ausgebildeten Erzieher.  Hier zeigte sich, dass eine Entlassung unfähiger Erzieher nicht ohne weiteres durchzusetzen war.  Die größten Sorgen bereiteten die alten Hausväter in kleineren, selbständig geführten Heimen, die aufgrund der Altersdifferenz keine Beziehung mehr zu ihrem Zöglingen aufbauen konnten und nie mit der neueren Pädagogik in Berührung gekommen waren.  Gerade auf diese Stellen besaßen die Diakonenanstalten aber in der Regel keinen Zugriff, und weder sie noch die dortigen Vorstände waren in der Lage, einem alten, inzwischen unkündbaren Diakon eine adäquate Ersatzstelle zu beschaffen.  In Einzelfällen wurden solche Erziehungsheime von Achtzigjährigen geführt, die lieber heute als morgen die Arbeit aufgeben hätten, aber mangels Altersversorgung zäh an ihrer Stelle festhielten. (Fünf solcher untragbaren Fälle schildert der Kirchl. Erziehungsverband der Provinz Brandenburg gegenüber der BVK, 20.5.1927; ADW, EREV 249.)  Solche Fälle nahmen die Fürsorgebehörden dann häufig zum Anlass, diese Heime nicht mehr weiter mit Zöglingen zu belegen.  Geschah dies nicht rechtzeitig, konnte es leicht zu weiteren Anstaltsrevolten kommen, wussten die Zöglinge doch spätestens seit Lampels Theaterstück, dass ihnen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf diese Weise sicher war- was Lampels Gegner als Beleg dafür deuteten, dass seine literarischen Erzeugnisse die Jugendlichen förmlich zu Revolten anstifteten.  Angesichts der sich häufenden Skandalmeldungen war allerdings ein gerüttelt Maß an Verbohrtheit vonnöten, um weiterhin die Augen vor den Realitäten der Anstaltspraxis zu verschließen.  Von der neuen Welle von Heimrevolten und -skandalen waren die Erziehungsanstalten von vier weiteren Brüderhäusern betroffen.  Relativ glimpflich verlief dabei eine vom provinzsächsischen Landeshauptmann angeordnete mehrtägige Untersuchung der Zustände in den Neinstedter Anstalten im Februar 1930, die eine vollständige Ignorierung des staatlichen Züchtigungsverbotes zum Vorschein brachte und mit der Ablösung des verantwortlichen Hausvaters Wilhelm Franz endete. (Büchse] beruhigte sich und seine Diakone mit der Feststellung: „Es ist durch die Verneh­mung keiner unserer Brüder so belastet, dass wir irgendwelche Ursache hätten, an seiner diakonischen Tauglichkeit zu zweifeln und ihn aus der Brüderschaft auszuschließen. Wir dürfen getrost sagen: es ist kein Rohling unter unseren Brüdern, und es ist nicht eine einzige Bestrafung festgestellt, die als Misshandlung bezeichnet werden könnte." BrBl Neinstedt, Mai 1930.)  Zu einer kleineren Revolte kam es im schlesischen Rothenburg, bei der ein Jugendlicher aus dem „Besinnungszimmer“ befreit und reichlich Sachschaden angerichtet wurde, bis die Polizei dem Aufstand ein Ende bereitete.  Der Vorfall blieb in jeder Beziehung folgenlos – auch hinsichtlich der Einstellung des Vorstehers Zitzmann, der für die Auflehnung keinerlei Gründe sah und sie der allgemeinen Disziplinlosigkeit der Zeit zuschrieb, die staatlicherseits noch gefördert werde. (BrBl Zoar, Febr. 1930, 2-6. - Auch der Ludwigsburger Vorsteher Mößner gab die Schuld an den Erziehungsproblemen den Jugendlichen: „Es scheint, dass die Jugend unserer Tage verweichlicht und verwöhnt ist und sich nicht mehr einer strammen Zucht und Ordnung beugen will.“ Jahresbericht der Karlshöhe 3.7.1932, 5; KHL.)  Weitaus gravierender waren die Vorgänge in dem zu Züllchow gehörenden Erziehungsheim in Warsow bei Stettin, wo es zu Misshandlungen und fortgesetztem sexuellen Missbrauch durch den stellvertretenden Hausvater Merner gekommen war.  Erste Anschuldigungen waren vom Heimleiter nicht weiter verfolgt worden, und es bedurfte erst eines amtlichen Untersuchungsverfahrens, um die Straftaten ans Licht und den Erzieher für zwei Jahre hinter Gitter zu bringen. (Konsistorium Stettin an EOK, 29.2.1932 u. 14.7.1932; EZA 7/17247.) Vielleicht wäre auch dieser Fall vertuscht worden, hätte nicht die KPD-Fraktion im preußischen Landtag ihn zum Anlass genommen, die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu den Missständen in der Fürsorgeerziehung zu fordern, wobei auch Anstaltsvorsteher Pastor Richter – vom Antragsteller als „Zuhälter dieses Sittlichkeitsverbrechers“ tituliert – und die gesamte Innere Mission ins Kreuzfeuer gerieten. (Begründung des Antrags durch MdL Schulz (Neukölln); Verhandlungen des Preuß. Inndtags, 3. Wahlperiode, 1. Tg. 1928/31, 253. Sitzung v. 20.10.1931, Sp. 22369.)  Die Züllchower Leitung sah in den Vorkommnissen allerdings nur einen bedauerlichen Einzelfall, wies jede grundsätzliche Kritik zurück und war zu wirklichen Konsequenzen nicht bereit.  Die Warsower Zöglinge verlegte man für wenige Monate in ein anderes Haus, um bei Bedarf auf amtliche Nachfrage antworten zu können, die Anstalt in Warsow sei geschlossen. (Brüderbriefe des Brüderhausvorstehers August Stein v. 11.1.1932 u. 25.11.1932; BrBl Züllchow, Jan. bzw. Nov. 1932.)

Der mit weitem Abstand folgenreichste Heimskandal im Bereich der Männlichen Diakonie spielte sich im holsteinischen Rickling ab.  Ausgelöst durch Zeitungsberichte eines Sozialpraktikanten und ehemaligen Zöglings in Rickling hatte das preußische Wohlfahrtsministerium nach mehrfachem Drängen der SPD-Landtagsfraktion im Winter 1928/29 ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, das mehr als ein Jahr später in einen in ganz Deutschland viel beachteten Prozess gegen drei Erzieher einmündete.  Die Anklage warf dem Hausvater, Diakon Hans Zimdars, und zwei Erziehungsgehilfen acht einzelne Misshandlungen vor, von denen wegen der schwierigen Beweislage lediglich zwei zur Verurteilung zu Haftstrafen zwischen zwei Wochen und vier Monaten herangezogen werden konnten.  Berufungs- und Nebenverhandlungen endeten 1931 mit einem Vergleich. (W. Hammer, „Die Hölle von Rickling!", in: Dortmunder Generalanzeiger, 8.5.1930.-0. Epha, „Zur Klarstellung über den Ricklinger Prozess", in: Evangelische Jugendhilfe, 1930, 162 ff. -W. Hahn, „Das Ende einer Hetze", in: Kieler Zeitung, 5.6.193 L - Vgl. D. Peukert, Grenzen, 244 f.)  Doch nicht die relativ unbedeutenden Verurteilungstatbestände, sondern die begleitende hitzige Grundsatzdebatte machte die Bedeutung des Ricklinger Prozesses aus.  Während der Verhandlung förderten die Aussagen der Zöglinge ein Bild der Fürsorgeerziehung zutage, das von brutalen Misshandlungen und menschenverachtenden Disziplinierungsmethoden bestimmt war. (W. Hammer, Hölle, nennt u. a.. Fußtritte, Schläge mit eisenbesetzten Knüppeln, Einfangen von Ausreißern mit Hunden, Zwang zum Unterdrücken des Stuhlgangs, Verweigerung ärztlicher Behandlung, Beleidigungen, Kohlscheren.)  Auf Seiten der Anstalt wurden allenfalls „gelegentliche Ohrfeigen oder Schläge“ (O. Epha, Klarstellung, 162. - Noch 45 Jahre später hatte sich beim Vorstand des Landesvereins für Innere Mission an dieser Bewertung nichts geändert; O. Epha, Landesverein, 31-39.)  zugegeben, ansonsten alle übrigen Vorwürfe energisch bestritten, die Zeugen als völlig haltlos und unglaubwürdig hingestellt und die ganze Affäre einer systematisch betriebenen, politisch motivierten Hetze der Linken gegen die Erziehungsarbeit der Inneren Mission zugeschrieben.  Diesem Urteil schloss sich auch der Brüderrat der Ricklinger Diakone an und sah keine Veranlassung, gegen den rechtskräftig verurteilten Hausvater disziplinarisch vorzugehen. (Protokoll der Brüderratssitzung v. 14.8.1931, LvIMR 98. - Ein schwerer belasteter Bruder wurde am 5.9.1931 für zwei Jahre befristet aus der Brüderschaft ausgeschlossen; ebd.)

Mit den Prozessberichten, Pressekampagnen und Landtagsdebatten wuchs der politische Druck auf die preußischen Behörden, geeignete Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Anstaltsskandale zu ergreifen.  Eine grundlegende Reform der Fürsorgeerziehung war unbezahlbar und von den Praktikern in den Jugendämtern auch gar nicht gewünscht; zudem waren die Behörden weiterhin auf die Heime der Inneren Mission angewiesen.  Um wenigstens die gröbsten Mängel abzustellen, hatte das Wohlfahrtsministerium deshalb schon 1929 ein vollständiges Verbot der körperlichen Züchtigung von Fürsorgezöglingen erlassen, die bis dahin an der Tagesordnung gewesen war.  In differenzierter Weise kritisierte Wolff das staatliche Vorgehen, dessen pädagogischer Fehler darin liege, „dass man glaubt, durch einen Ministerialerlass einen Zustand herbeiführen zu können, der auf einmal die Methode grundlegend ändert.“ (Wolff an Naumann, 4.12.1929; ELDM, Akte „BVK 1926-38". Dort auch das folgende Zitat.) Das Verbot werde nur zur verstärkten Aufsässigkeit der Zöglinge führen, die nun wüssten, dass dem erzieherischen Willen Grenzen gesetzt seien.  Die Leidtragenden seien schließlich die Erzieher.  Dennoch müsse man sich den staatlichen Vorgaben beugen und „eben einfach lernen, auch ohne das Mittel der körperlichen Bestrafung fertig zu werden.“

Dies zu lernen, bereitete dort unüberwindbare Probleme, wo Prügel nicht bloß eine mögliche Form der Strafe, sondern ein konstitutives Element der Erziehung waren.  In Rickling war das der Fall gewesen, wie in der Urteilsbegründung – als mildernder Umstand bei der Strafzumessung angeführt wurde: „Als eindeutiges Ergebnis hat das Gericht vor allem festgestellt, dass die Angeklagten nicht aus grausamen, sadistischen oder ähnlichen Motiven die Zöglinge misshandelt hätten.  Für sie war die körperliche Züchtigung ein, wenn nicht der wichtigste Faktor der ihnen obliegenden Erziehung.“ (Zitiert nach O. Epha, Landesverein, 35.) Juristisch mochte dieses Urteil entlastend wirken – pädagogisch war es vernichtend.  Einen Sonderfall stellte die Prügelpädagogik der Ricklinger Angeklagten nicht dar, sie wurde von dem Vorsteher und Ausbilder der Rothenburger Diakone, Zitzmann, sogar noch öffentlich verteidigt. ,,Jede Strafmöglichkeit", so Zitzmann, sei den Heimen mit dem Ministerialerlass genommen worden.  Immer habe man nach dem Grundsatz handeln können: „Wenn ’s nicht biegt, dann bricht ’s“; das sei nun nicht mehr möglich: „Aber wenn nicht schleunigst Abhilfe geschaffen wird, so verbietet uns unser Gewissen, die Arbeit weiter zu treiben. Wir sollen Menschen schnitzen, aber uns wird jedes Werkzeug aus der Hand genommen, wir sollen Gutes in junge Seelen säen, aber wir dürfen den Pflug nicht anwenden, mit dessen Hilfe man allein das Unkraut an der Wurzel packen kann, eine furchtbar schwere Aufgabe! und nur das Pflichtbewusstsein unserem Gott und unserem Vaterlande gegenüber und dazu die Liebe  zu unserer Jugend hält uns jetzt noch bei unserer Arbeit.“ (BrBl Zoar, Febr. 1930, 2-6. Dort auch das folgende Zitat. - Vgl. den Werbebrief Barharns an die Kirchengemeinden in Schleswig-Holstein, Mai 1930; LvIMR 382.)

In der harmlos scheinenden bäuerlichen Metaphorik kündigte sich hier ein Widerstand gegen staatliche Fürsorgepolitik an, der schon seit langem unter der Oberfläche gärte.  Weite Teile der Männlichen Diakonie waren nicht bereit, das staatliche Züchtigungsverbot zu akzeptieren und lehnten seine Durchführung rundheraus ab. (So festzustellen am Neinstedter Beispiel; siehe o. 112 mit Anm. 142.)  Das Eingehen der Behörden auf die gesellschaftliche Reformbewegung im Fürsorgebereich - so zurückhaltend es sich auch gestaltete - wurde nur allzu gern zum Anlass genommen, den seit jeher skeptisch betrachteten Weimarer Staat mit den linken Kritikern in einen Topf zu werfen und sich als Opfer eines grundsätzlichen Kampfes gegen die christliche Fürsorgeerziehung darzustellen. Die von einzelnen Abgeordneten oder Gruppierungen, etwa dem Berliner Kampfausschuss gegen Fürsorgeerziehung, vorgetragene Forderung nach einer vollständigen Verstaatlichung der konfessionellen Heime schrieb man ohne weiteres dem Staat und seinen „kommunistischen Erziehungsmethoden“ zu, mit denen er die gesamte christliche Jugendfürsorge systematisch sabotiere. (Protokoll der BVK v. 16.-19.4.1928; ADW, DD 312. - Siehe auch Happich, Chronik der Anstalt Hephata, Jan. 1929; HDH. - Zum Programm des „Kampfausschusses" und dessen Beurteilung durch evangelische Erzieher siehe die Mitteilungen des VEW, Nov. 1931; AStH, Akte „Wohlfahrtspfegerverband“.)  Stimmen wie die von Wolff, der die These vom Kampf des Staates gegen das Christentum energisch bestritt und seinen Vorsteherkollegen vorwarf, sie seien insgeheim verliebt in die Vorstellung, als Märtyrer für den Herrn unter den Angriffen des Staates leiden zu müssen, stießen bei den meisten auf taube Ohren. (Wolff an Lehmann, 30.5.1928; ADW, DD 278. Wolff an Ewald Knorr (Wohlfahrtspfleger in Hannover/ Stephansstift), 6.1.1932; AStH, Akte „Wohlfahrtspfegerverband“)  Mit Verschärfung der Auseinandersetzung hatten sachliche Argumente immer weniger Platz, statt dessen mischten sich in der Klage der Vorsteher und Diakone allgemeine Zeitkritik, antirepublikanisches Denken und Bolschewismusfurcht zu einer diffusen Abwehrhaltung, in der alle sich negativ auswirkenden Handlungen der Fürsorgebehörden der gegnerischen Seite zugerechnet wurden.

Für die Diakone kam als weiteres Element der Zorn über die öffentliche Erniedrigung der Erzieherschaft konfessioneller Heime hinzu. Nicht selten wurden in linken Presseveröffentlichungen die Erzieher pauschal als „die geistig primitivsten Menschen“, „tätowierte Matrosen und landwirtschaftliche Arbeiter mit furchterregendem Gesichtsausdruck, Männer, deren Kraft offenbar mehr in ihren Armen als in ihren Köpfen zu suchen ist, Männer, die sich vielleicht auf Schweinezucht ganz gut verstehen mochten", oder als „schwerfällige, geistig unelastische Bauernknechte“ tituliert. (Sämtliche Zitate aus W. Hammer, Hölle.)  So wurde die Kritik an der pädagogischen Qualifikation der Erzieher auf deren soziale Aburteilung reduziert.  Betroffen von solcher Verächtlichmachung war der gesamte Berufsstand, also auch jene Diakone, die nicht im Erziehungsbereich arbeiteten.  Die prinzipielle Infragestellung ihrer Qualifikation schürte die Angst vieler Brüder um die Zukunft ihres Berufes.  Selbstkritik kam in dieser Lage nicht mehr in Frage, wie die Reaktion des Kurhaus-Leiters Otto Kosel zeigte, dem ein Patient einen solchen Zeitungsartikel mit entsprechend hämischen Bemerkungen übergeben hatte.  Man habe es hier zweifellos „mit einem geheimen Feldzug“ zu tun: „Wo der Feind zu suchen ist, fällt einem Eingeweihten nicht schwer, doch ich stelle hiermit den Antrag, dass wir uns dies nicht so einfach gefallen lassen, sondern uns nun rühren.  Vor allem Material zusammen tragen, und dann vom Leder ziehen, aber nicht so knapp und nachhaltig in der Öffentlichkeit. (...) Die Zeichen häufen sich, es sind die Vorzeichen eines Kampfes, welcher offen ausbrechen soll.  Hoffentlich findet uns die Gegenseite nicht schlafend, sondern im Gegenteil voll und ganz erwacht.“

(Kosel (Hausvater in Uchtspringe / Neinstedt) an Lehmann, 30.4.1930; ADW, DD 48 a.)

An der Aussage von Kosel, der 1933 als Führer der Deutschen Christen in Neinstedt hervortrat, wird deutlich, wie die Hilflosigkeit angesichts der Bedrohung durch säkulare Tendenzen ihren Ausweg in einer Verschwörungstheorie suchte.

Eine Beteiligung des Staates an diesem „geheimen Feldzug“ machte man auch an der vermeintlich gewollten Bevorzugung der nicht-konfessionellen Erziehungsheime durch die behördliche Belegungspolitik fest.  Tatsächlich hatte der Trend zur Pädagogisierung der Fürsorgeerziehung auch die Differenzierung der Zöglinge nach dem Grad ihrer Erziehbarkeit befördert; im Zuge dieser Selektierung hatte man die Jugendlichen mit den besten Voraussetzungen für eine zügige soziale Reintegration überwiegend den als fortschrittlich geltenden kommunalen Anstalten zugewiesen, so dass für die Heime der Inneren Mission häufig nur die Schwererziehbaren übrig blieben und der Problemdruck hier zusätzlich stieg. (Werbebrief Barharns; a. a. 0. - Bunke, „Monatsschau", in: DDBl Mai 1929, 76. - D. Peukert, Grenzen, 202 E Zur Problematik der „Unerziehbarel` siehe ebd., 263-273.)  Daneben hatte die zurückhaltendere Entscheidungspraxis der Vormundschaftsgerichte seit Mitte der zwanziger Jahre zu einem generellen Rückgang der Zöglingszahlen geführt, der sich nun wegen des Geldmangels der öffentlichen Hand rapide beschleunigte; weil die Jugendämter jedoch zuerst ihre eigenen Anstalten belegten, litten die konfessionellen Heime überproportional unter diesem Rückgang. (Bericht des DDV (Weigt) an den CA (Steinweg), 8.6.1932; ADW, CA 670 III.). Die Belegungslücken in den Erziehungsheimen der Inneren Mission waren schon Mitte 1932 auf 35 bis 50 % angewachsen. (Protokoll der Sitzung des CA-Erziehungsamtes mit dem Ausschuss für geschlossene Jugendfürsorge u. evang. Erziehungsvereinen, 8./9.6.1932; AStH 545 u. ADW, DD 657)  Viele Anstalten mussten ihre Erziehungsarbeit daraufhin ganz einstellen, darunter auch die Brüderhäuser in Züllchow und Rickling.  Infolgedessen ging die Zahl der in der Erziehungsarbeit beschäftigten Diakone zwischen 1931 und 1932 um knapp sechs Prozent, im folgenden Jahr um weitere zwölf Prozent zurück. (Siehe o. Tab. 1, S. 107.)  All das nährte den Verdacht, dass der Staat bei der Behandlung von öffentlichen und konfessionellen Anstalten mit zweierlei Maß messe und die christlichen Heime letztlich in den Ruin treiben wolle.

Hätte es für die Männliche Diakonie noch weiterer Belege für diese These bedurft, so waren sie mit den radikalen Einsparungsmaßnahmen der preußischen beziehungsweise der Reichsregierung des Jahres 1932 gegeben, die einen Wendepunkt in der Fürsorgepolitik markierten und den über Jahre verfolgten Reformhoffnungen ein jähes Ende bereiteten.  Zu Beginn des Jahres wurden die staatlichen Zuschüsse für die Fürsorgeerziehung in Preußen von 25 Millionen RM auf 15 Millionen gekürzt, was eine Senkung der Pflegegelder um bis zu 30 % mit sich brachte (Protokoll der Sitzung v. 8.19.6.1932; a. a. 0.)  Auch diese Maßnahme traf viele Heime der Inneren Mission härter als die öffentlichen, denn sie waren in der Mehrzahl ländlich gelegen und wirtschafteten deshalb besonders sparsam – weil aber die Pflegegeldkürzungen nicht gleichmäßig erfolgten, sondern entsprechend dem tatsächlichen Finanzbedarf im zurückliegenden Rechnungszeitraum, wurde die zuvor bewiesene Sparsamkeit durch höhere Kürzungen noch bestraft. (So rechnete Wolff vor, dass etwa eine Anstalt in Berlin, die bisher 8 RM pro Tag und Zögling verbraucht hätte, immer noch 6 RM bekäme; eine Anstalt auf dem Lande, die 3 RM brauchte, nun aber mit 1,80 RM auskommen müsse. Wolff an Weigt, 28.12.1931; ADW, DD 278. - Zu den immensen Pflegegeld-Unterschieden zwischen Stadt und Land siehe D. Peukert, Grenzen, Tab. 52, 359)

Da die gewünschten Einsparungen durch eine Kürzung der Zuschüsse allein nicht zu erzielen waren, wurde im November 1932 das Höchstalter für Fürsorgezöglinge um zwei Jahre auf 19 Jahre gesenkt.  Diese Verordnung war durch keinerlei pädagogische Gründe gedeckt, entließ sie doch gerade die besonders problematischen Fälle ohne Bereitstellung eines alternativen Auffangbeckens aus den Anstalten, wodurch die ursprüngliche Intention der Fürsorgeerziehung ad absurdum geführt wurde.  Die „Grenzen der Erziehbarkeit“ definierte allein der Finanzrahmen. (Vgl. D. Peukert, Grenzen, 258 L, der allerdings unter Berufung auf W. Polligkeits Kommentar einen direkten Zusammenhang zwischen dieser Notverordnung und den Selektions-Ideen der Befürworter eines Bewahrungsgesetzes sieht. Polligkeit mochte die Notverordnung so zu rechtfertigen suchen, die Motive der Behörden waren jedoch allein auf Einsparung gerichtet, wie Peukert auf S. 257 selbst betont.)  Wie staatlicherseits erhofft, hatte die Maßnahme eine durchschlagende Wirkung auf die Belegungszahlen der Heime.  Die preußischen Fürsorgebehörden zogen zwischen Oktober 1932 und März 1933 ein weiteres Viertel der Zöglinge ab.

Obwohl die finanziellen Motive der Notverordnung auf der Hand lagen, waren Vorsteher und Diakone weiterhin bereit, die Entleerung der Anstalten der „Schikane“ (Weigt an Wolff nach Bekanntwerden der staatlichen Pläne, 30.12.1931; ADW, DD 278)  des Staates gegen die christliche Erziehung zuzuschreiben.  Einer Differenzierung zwischen wirtschaftlich und pädagogisch begründeten Maßnahmen der Behörden verweigerte man sich.  Den Kollaps der Fürsorgeerziehung sah man allein als eine notwendige Folge der verkehrten Ideologie des Staates, der „durch übertriebene Anforderungen an Personal und Leistungen unsere Anstalten innerlich zermürbt und äußerlich an den Rand des Zusammenbruchs gebracht“ (Protokoll der WK-Sitzung  v. 3.-5.4.1932; ADW, DD 312. 168)  habe.

Die dargestellte Erziehungskontroverse in der zweiten Hälfte der Weimarer Republik zeigt deren eminent politische Auswirkungen auf die Männliche Diakonie auf: Das mit dem RJWG abgesicherte Eingriffsrecht des Staates auf dem Gebiet der Fürsorgeerziehung, von dem dieser in zunehmendem Maß Gebrauch machte, die völlige Verunsicherung durch Anstaltsrevolten und Prügelskandale, begleitet von massiven Angriffen der linken Öffentlichkeit und einem staatlich unterstützten Drängen nach pädagogischen Reformen, und schließlich die Empörung der Diakone über eine pauschale fachliche Abqualifizierung und soziale Zurücksetzung der evangelischen Erzieherschaft festigten die seit der Revolution latent vorhandene Überzeugung, dass die atheistischen Machthaber in Berlin und die sie unterstützenden politischen Kreise letztlich die Vernichtung der christlichen Erziehung beabsichtigten.  Der Zusammenbruch vieler evangelischer Heime infolge der katastrophalen öffentlichen Haushaltslage wurde in dieses Deutungsmuster eingepasst und diente als zusätzlicher Beweis für die prinzipielle Verkehrtheit des staatlichen Erziehungssystems, das das bewährte christliche Modell zugrunde gerichtet habe und nun mit seinem eigenen überzogenen Reformansatz scheitere.

Es kann aber nicht die Rede davon sein, dass die Männliche Diakonie deshalb unmittelbar in die Arme der Nationalsozialisten getrieben wurde, wie das Protokoll der BVK vom April 1932 zeigt.  Nachdem die Teilnehmer gemeinsam ein vernichtendes Urteil über die bisherige Erziehungspolitik des Weimarer Staates gesprochen hatten, gab Happich die Möglichkeit zu bedenken, „dass unter einer wesentlich von den Nationalsozialisten bestimmten Regierung wieder eine stärkere konfessionelle Erziehung mit Zucht und Ernst sich durchsetzen würde“, warnte aber zugleich vor übertriebenen Hoffnungen, da der Nationalsozialismus ebenfalls auf die Erziehung der Jugend durch den Staat abziele.  Noch im Februar 1933 waren die Meinungen in dieser Frage geteilt  Sämtliche Vorsteher erwarteten „straffere Erziehungsmethoden“ von der neuen Regierung, einige befürchteten jedoch den Boykott der evangelischen Anstalten durch die Nationalsozialisten, während andere glaubten, gerade bei ihnen mehr Verständnis für die Fürsorgeerziehung zu sehen. (Protokoll der BVK-Sitzung v. 20./21.2.1933; ADW, DD 312)  Einer neuen Zeit, in der Zucht und Ordnung wieder zu Ehren kommen würden, stand die Männliche Diakonie also offen, aber mit unterschiedlichen Erwartungen gegenüber.  Einig war man sich letztlich nur in der Ablehnung des als verhängnisvoll erlebten „Weimarer Systems“.

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